Schneekuh.ch - Frankreich 2007  

Frankreich 2007

Vive La France!

 

Vorgeschichte:
Blaues Meer, weisser Strand, braungebrannte Schönheiten – und mitten in diesem Paradies ein tolpatschiger Gendarme, der mit seinen Kollegen dem Verbrechen (und unseren Lachmuskeln) kräftig zu Leibe rückt: Die Rede ist von Louis de Funès in seinen Filmen aus St. Tropez!
In meiner Kindheit war dies ein Garant für Lachtränen und irgendwie war er dann da, der Wunsch: Wenn ich mal gross bin, dann fahre ich nach St. Tropez!!
30 Jahre später bin ich dort immer noch nicht gewesen.

 

Die Idee:
Frühjahr 2007: Wo geht es im Sommer hin? Eine geplante Reise hatte sich grade von selbst erledigt, das Budget würde schmal sein.
Was macht eine Reise so teuer? Die Unterbringung! Also, ab in den Keller, die Campingausrüstung checken, die dort seit Studientagen schlummert. Wie, SO dünn sind Isomatten?? Hatte ich ganz vergessen… Und wo ist das Bad im Zelt??
Fazit: Funktionstüchtige Ausrüstung ist mit kleinen Ergänzungen vorhanden.
Zeitgleich meldete ich mich definitiv für ein kleines und feines Offroadwochenende bei Mot-on-tour.ch an – Piemont und Ligurien. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, wo genau das war. Eben irgendwo zwischen F und I. Und im Piemont wächst offenbar Mon Cherie, oder??
Tja, bis ich dann eines Abends doch mal den Atlas hervorholte. Und als ich dann den Col di Tende und die Ligurische Kammstrasse fand bzw. die nächstgelegenen Orte – da fiel mir mein Kindheitstraum wieder ein. Denn St. Tropez ist da ja beinahe ums Eck!!!
Somit war klar: Frankreich, ich komme!

 

 
Die Planung:
Dumme Fragen in Internetforen, Buchausleihe, Gewinnsteigerung bei den Kartenverlagen Michelin und Kümmerly&Frey – ich habe nichts ausgelassen. Dank an dieser Stelle an Marc und Daniel (stellvertretend für alle, die meine Fragen geduldig beantwortet haben!).
Nach und nach wurde dann klar, dass die Route des Grandes Alpes das Rückgrat meiner Hinreise darstellen würde, die Route Napoleon den Rückweg beeinflussen würde. Eine Entscheidung, die ich übrigens so nicht wieder treffen würde.
Die Grobplanung war recht schnell abgeschlossen: Zuerst eine Woche Richtung Süden, danach wieder nach Norden – Reisen kann so einfach sein! ;)
Dann der Feinschliff – es soll dazu reichen, irgendwann an der Cote d’Azure anzukommen, soll definitiv keine Autobahn und möglichst auch keine Nationalstrassen beinhalten! Gelbe, weisse und graue Strassen sind gut
J. Ach ja, und ein Schötterchen hier und da…
Hinweise aus den Foren und aus dem WWW brachten mich dann dazu, eine erste Route zu erstellen. Dann die Ernüchterung: Mehr oder weniger dezente Hinweise von erfahrenen Bikern, die sowohl mich als auch die Strecke kennen, zeigten mir die rote Karte für diverse Schmankerl, die ich da aufgereiht hatte: Zu riskant für einen Einzelreisenden! Zitat: „Den letzten übermütigen Enduristi suchen sie heute noch…“
OK, dann also Plan B… die entschärfte Fassung. Aber das Gerüst wurde für gut befunden – es konnte also losgehen.

 

Die Reise:
Helvetien hatte sich für mich etwas ganz Besonderes Zur Abreise ausgedacht: Dauerregen im Tal und Schnee auf den Pässen!!! Deshalb erfolgt die erste PLanänderung kurz vor Reisebeginn: Die erste Übernachtung wird erst im warmen Frankreich sein! So breche ich dann eines Dienstag abends auf nach Bern, um von dort aus zu starten.

11.7.
Es seicht! Auf dem Plan steht die Durchquerung des Aostatals und das Erklimmen der beiden St. Bernharde. Also los! Da ja Autobahn für diesmal von Übel ist, treffe ich die ehrenwerte, aber aus Regengründen ziemlich dämliche Entscheidung, via Simmental zu fahren – ein quietschnasser Holger erreicht denn auch erheblich später den St. Bernhardt…auf dem es schneit!
Anhalten, Foto, Vollgas. Ein Ritual, welches sich im Laufe der Reise noch häufig wiederholen sollte.

Das Aostatal half mir dann dabei, meine Kleidung im Schnellgang zu trocknen – ich war im Sommer angekommen!
Wenig Verkehr, gute Strassen, wunderbare Landschaft: Das Land zwischen den Ländern ist wirklich ein Gedicht.


Der kleine Bernie hat mir dann auf seine raue Art noch viel besser gefallen als sein grosser Bruder. Schöne Streckenführung, fast kein Verkehr und eine Landschaft, die mich sofort vom schottischen Hochland träumen liess…


Dann war ich in Frankreich. Irgendwo zwischen Val d’Isère und Briancon sollte die erste Etappe enden – ein Gewaltmarsch – aber ich wollte sicher sein, dem schweizer Mistwetter entwischt zu sein! Zuvor aber der Col de Mont Cenis. Sehr schön, sehr einsam - nicht spektakulär aber dennoch: Ich hab mich da oben sehr wohl gefühlt!

Kurz darauf der übliche Stausee, diesmal allerdings die Staumauer befahrbar. Und das Gelände umzu – wie eine Kiesgrube! Ausgesetzte Wege überall, kreuz und quer – das einzige, was fehlt, sind Verbotstafeln! Schneekuh und ich überlegen nicht lange und ab geht es ins Vergnügen. Es ist erstaunlich, was auf solch einem Spielplatz alles geschehen kann J Was mögen die Wanderer wohl gedacht haben, wenn ein Klotz wie ich auf einem Koloss wie der voll bepackten GS laut lachend die Wege hoch- und runterpflügt?!

                          
Tja, und dann passierte es: Ich erinnerte mich, was ich im Denzel über den Col de Finestre gelesen hatte!
(Der Grosse Alpenstrassenführer von H. Denzel ist eine Art Bibel für Leute, die im Alpenraum Passstrassen fahren wollen. Ein Bewertungssystem gibt Aufschluss über die zu erwartenden Schwierigkeiten/ den zu erwartenden Spassfaktor. Ich hatte den grossen Fehler gemacht, mir dieses Buch einige Tage vor Reiseantritt zu kaufen und es auch noch mitzunehmen!!!)
Und da war nun das Schild: Finestre…
An dieser Stelle nehmen wir freundlichen Abschied von meiner ausgeklügelten Reiseroute und wenden uns frohen Mutes der Spontaneität zu! Ab auf den über 2170 Meter hohen Berg.
Etliche pragelbreite Kehren winden sich durch den Wald (für Marc: Pragelbreit = schmal…), der Asphalt ist irgendwann so schlecht, dass man sich wünscht, er wäre ganz weg. Dann hätte man wenigstens keine Schlaglöcher mehr.
Und schwupps: Da wird nach einer Kurve mein Wunsch erfüllt – der Strassenbelag wechselt zu gut festgefahrenem Schotter! Ein feiner Waldweg, der es erlaubt, fast schneller zu reisen als auf dem Lochmuster vorher. Und dann… dann kommen noch mal dutzendweise Kehren, nur eben diesmal mit Schotter und Sand… welche der Rinnen führt wohl um die Kurve und welche über den Rand? Ist die Kurve ausgefahren genug, dass ich mich in sie hineinlegen kann?


Kurz: Sie waren es alle und somit kam ich kurz darauf mit breitem Grinsen oben an. Auf der Passhöhe erwartete mich: Nichts. Und zwar soviel Nichts, dass ich beschloss, genau dort meine erste Nacht zu verbringen.
Eine PicNic-Fläche bot die Stellfläche für das Zelt, der Finestre den Windschutz – und die Landschaft um mich herum atemberaubende Ausblicke.

 


12.7.
Die Assietta. Eine alte Militärstrasse, die diverse Forts im hart umkämpften Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich mit Waffen und Nachschub versorgen sollte. 30 Kilometer Fahrspass liegen direkt vor mir, und ich kann sehen, wie die ersten Mountinbiker und Landcruiser sich auf den Weg machen… Und ich???
Jo. Ich auch.

Nach kurzem Frühstück (Brot und Käse aus dem Rucksack, Rotwein vom italienischen Bergwanderer am Parkplatz) geht es los. Die Tour ist ein Hit! Nach tiefem Schotter zum Einstieg bei mässiger Steigung folgt ein langes Stück mit guter Fahrspur um dann in mittlerem Anstieg den Colle dell l’Assietta zu erreichen.

OK, ich war nicht wirklich schnell, aber habe deutlich an Sicherheit gewonnen! Nun geht es deutlich bergauf, es folgen sandige Kehren und alles, wass man sich so wünscht – die vollbepackte Schneekuh rüttelt sich und schüttelt sich – aber bleibt in der Spur als seien dort oben Gleise verlegt worden – genial!
Das nun folgene Stück der Kammstrasse hat es schon etwas mehr in sich. Zwar wenig Steigung, dafür aber scharfe unübersichtliche Kurven…und Kamikazefahrer im Gegenverkehr!! Eine geführte Jeepreise ist auf Kollisionskurs mit mir und offenbar haben die Fahrer beschlossen, lieber mich in die Felswand zu pressen als selbst den Abhang runterzurollen. Das mit der Bremse hat ihnen offenbar niemand vorher erklärt. Erst, als ich dem 2. Wagen einen kräftigen Tritt in die Tür verpasste, fiel dem Fahrer des dritten SUV ein, dass da ja noch ein Pedal ist… na bitte, geht doch!

Dank Zylinder ist der Schneekuh durch das Anlehnen am Fels nichts passiert, mein Bein war ja auch zum Abpolstern dazwischen…


Weiter. Der Weg wird härter und übersichtlicher. Erster Gang, zweiter, dritter, Schlagloch – OK, zweiter Gang reicht auch!


Nach einer Passage, die ich nicht in nassem Zustand erleben möchte senkt sich die abenteuerliche Trasse allmählich ab, bis sie aus der Bergeinsamkeit mit ihren morbid wirkenden verfallenen Befestigungsanlagen zu einem Skigebiet führt. Gibt es Furchtbareres als durch Skipisten zerstörte Berghänge mit ihren Liftanlagen und all der Infrastruktur? Vielleicht noch die dazugehörigen Orte, die irgendwann aus dem Boden gestampft wurden. Hui, welche Ernüchterung!! Also, schnell gewendet und das ganze Assiettavergnügen noch einmal retour!!! (und dann ein drittes Mal, denn ich will ja gen Süden )
Über den Col de l’Izoard mit seiner einzigartigen Wüstenlandschaft geht es dann weiter nach Guillestre, wo ich neben einer Horde KTM-fahrern sitze, die von ihrem Parpaillon-Trip berichten. OK, die Trasse bleibt für mich auch weiterhin tabu – der Tunnel oben war mit grossen Eisbrocken im Wasser durchsetzt. Der Unglücksfahrer, der das herausfinden musste, fror immer noch, obwohl es unten an die 30 Grad hatte…


Das Tagesziel Jausier hab ich dann am Abend sehr zufrieden und auch sehr müde erreicht.

13.7.
Auf zur Mogelpackung Col de la Bonette! Ein schöner, spannender, wunderbar zu fahrender und beeindruckender Berg mit einem Pass, der tatsächlich genau dies ist – ein Durchbruch durch die Kammspitze. Mit einem Fehler – er ist zu niedrig! Damit die örtlichen Tourismusbehörden neue Prospekte drucken konnten, musste der Gipfel neben dem Pass mit einer kleinen Rundstrecke versehen werden (atemberaubende Blicke tun sich im Sekundentakt auf!), deren höchster Punkt nun die neue Passhöhe und „rein zufällig“ auch der höchste fahrbare Pass im Alpentransit ist…


Dann schlägt Denzel mir eine kleine Rundreise vor, die mich dann via Col de Moutiers wieder auf den Col de la Bonnette zurückbringen würde… warum nicht??


Ein sanftes, waldiges Tal führ zu diesem kleinen Pass hin, dessen Höhe von einem noch intakten Bunker „verziert“ wird. Das obligatorische Wohnmobil ist bereits installiert, auch die üblichen Wanderer krabbeln emsig im Fels umher. Und da links, da ganz unten, da krabbelt ein SUV durch die Gegend… Soll ich??
Nach 20 Minuten bin ich am Ende. Mir tun die Arme weh, die Knie schmerzen, die Beine spüre ich hingegen nicht mehr.


Als Harald Denzel diesen „Weg“ mit 3 kennzeichnete, muss er einen ganz miesen Tag gehabt haben – die Assietta (3-4) war dagegen eine Autobahn!
Aber extrem genial dennoch. Nur stellt sich jetzt die bange Frage: Fahr ich jetzt die ausgebaute Strasse in Sichtweite weiter und habe so einen Umweg von etwa 50 KM zu verbuchen – oder wende ich?
Na?
Genau – bergauf ist es ja immer leichter
J Vor allem das witzige Gefühl, wenn sich das Vorderrad allmählich vom Boden löst und die Rückwärtsrolle einleiten will, werde ich so bald nicht vergessen! Mit aller Gewalt habe ich meinen schmächtigen Leib auf den Lenker gedrückt und mit NOCH weniger Gas die 2 Stufen von vielleicht je 20 cm genommen. Für einen erfahrenen Dreckwühler lachhaft – für mich ein echtes highlight!!!
Ein letzter kleiner Abstecher führt mich via Gorges de Cians in das verträumte Nest Pierlas.

Durch ein kleines Versehen lande ich am Kirchplatz statt auf der Ortsumfahrung. Hier wird grade der Nationalfeiertag vorbereitet – die Bühne verbaut den Weg. Zum Wenden kein Platz, zum zurückschieben zu steil – toll. Ganz toll! Aber schnell wurde mein Missgeschick bemerkt und mit Hilfe kräftiger Frauenarme (Männer hab ich keine gesehen…) war ich flugs wieder in Freiheit! Noch schnell ein Glas du vin rouge spendiert und weiter geht es. So grandios die westliche Rampe des Col de la Sinne ist, so lang zieht sich die Abfahrt im Osten! Aber irgendwann hab ich meine D2205 wieder unter den Rädern und baue in Isola mein nachtlager auf. Stichwort: Müde!
14.7.
Heute ohne Gepäck unterwegs. Durch die vergangenen Schotterfahrten angeködert, hab ich mir auf den heutigen Menuplan einen Leckerbissen gesetzt – den Col de Tende! Eine endlose Aneinanderreihung von Spitz- und Sehr-Spitz-Kehren, deren Passage nicht unbedingt erleichtert wird durch die Tatsache, dass der Belag aus Schotter und Sand besteht!!
Aber der Reihe nach: Über den unspektakulären Col. St. Martin nähere ich mich dem Col de Turini – Anhänger der Rallye Monte Carlo werden ihn kennen. Sowohl die Rundstrecke um den Gipfel als auch die Kehrenpassage in Richtung Sospel. Besonders die Runde da oben hat es mir angetan, ich fahre sie 2x. Einmal wegen der Landschaft und zum Kennenlernen, beim 2. Mal zum fröhlichen Angasen… hilfreich in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es keinen Gegenverkehr gibt…


Hier treffe ich dann auch ein österreichisches Ehepaar, welches tags zuvor über den Tendepass gereist ist. Nach dem Motto: Pro Kehre ein Sturz! Hat er sich bis zum Schluss nicht an den ungewohnten Untergrund anpassen können… der Arme! Ach ja, er fährt eine 1150er-GS mit Touratech-Schnickschnack…
Derart motiviert habe ich meine Pause abgebrochen und bin direkt zum Tendepass.
Fazit: Fahrspass pur. Allmählich mit ersten Erfahrungen versehen, ohne Gepäck – da konnte man es in den Kurven/ Kehren auch schon mal etwas zügiger angehen lassen! Wer die ausgefahrene Spur richtig trifft, hat gewonnen! Die anderen heben dann ihren Töff halt wieder auf


Die letzte Spitzkehre ist sogar „renoviert“ worden: Man hat in die Kurve eine Ladung frischen Schotter gekippt und… kein „und“, das war alles. Da liegt einfach ein Haufen Schotter in der Kurve!
Oben angekommen geniesse ich den Ausblick auf traumhafte Regionen, auf ein altes Fort… und auf die ligurische Grenzkammstrasse! Denzel sagt dazu…

NEIN!
Ich klappe das Buch zu und verbiete mir, diesen Gedanken weiterzuspinnen.
Also geht es auf italienischer Seite runter – eigentlich will ich zurück nach Isola… aber dann erinnere ich mich an diese Alternativstrecke zum Tendapass. Waldweg, etwas ausgesetzt, schön,…

Also gut. Ab durch den Tunnel (ältester Alpentunnel und 2.-längster dazu!) zurück nach Tenda. Hier hab ich dann verzweifelt den Einstieg in die Route gesucht… So genial Denzel die Pässe beschreibt, so dämlich ist der Part über Tenda!!! Durch malerische Gassen schlängelt siech der Weg zum Ort hinaus… toll! Ich habe beide vorhandenen Gassen durch, bin jedes Mal wieder an der Hauptstrasse gelandet und um die Erfahrung reicher, auf einer Strasse wenden zu müssen, an der der voll gebremste Töff nach hinten wegrutscht, weil es so steil aufwärts, dort aber nicht weitergeht!!! Merde!!
Eine Eingeborene gibt mir dann den entscheidenden Hinweis: Die „Fahrt durch die Gassen“ ist die kleine Strasse, die ich die ganze Zeit gesehen hatte. An dieser Strasse liegen genau 4 Häuser… malerische Gasse? Hallo? Zuviel du vin rouge gehabt, Herr Autor???!
Egal, die Strecke entschädigt für alles. Guter Asphalt, schlechter Asphalt, guter Schotter, schlechter Schotter, Sand, mehr Sand, SEHR viel mehr Sand! Meine ersten Spitzkehren in „Treibsand“, also wirklich sehr losem Untergrund… nur nicht anhalten!


Atemlos und mächtig glücklich stehe ich eine Stunde später wieder oben am Tendapass, geniesse den Ausblick erneut (hat sich nichts verändert) und mache mich dann allmählich auf den Heimweg, der mich noch über den Col de la Lombarde führte. Dan, das war ein sensationeller Tip!
Oben angekommen sah ich, dass ich von einem Nebelmeer verfolgt wurde!


Fasziniert sah ich dem Spektakel zu, beobachtete, wie die Wolkendecke der Passhöhe immer näher kam – wie Wasser in einer sich füllenden Wanne – um dann kurz unter mir zu bleiben. Ich hatte das Gefühl, ich könne darüber hinweg laufen. Sicher war es eine gute Idee, dies NICHT zu versuchen!!
Die französische Seite war weiterhin frei von Wolken, so dass ich mich im Abendlicht auf den Weg nach Isola und ins Zelt machen konnte – dieser Tag war sicher ein Bemerkenswerter!

15.7.
Sonntag morgen – alles ist wie ausgestorbern – der Franzose an sich liegt noch im Koma wegen der fete am vergangenen Abend. Auch ich habe heute nicht meinen motiviertesten Tag… also werden alle aufregenden Passagen gestrichen – es soll mich heute in Richtung Meer führen.
Valberg, Gorges de Daluis, Col de Felines, Col de Trébuchet, lauter kleine, feine Erlebnisse, die ganz gut zu meiner Stimmung passen – einfach nur sein, sich treiben lassen, geniessen, seinen Gedanken nachhängen.


In La Rochette sehe ich eine alte R 80 oder 100 G/S. Und richtig malerisch bepackt mir allerlei Kram für den Wochenmarkt. Der Mann dazu hat allerdings von Freundlichkeit wenig Ahnung – also weiter geht’s! Ab durch das Stadttor in einer flott geschwungenen Rechtskurve – und dann rutsche ich auch schon mit knapp 60 Sachen auf dem Hosenboden auf einen sehr hart aussehenden Felsen zu!


Ich habe aus diesem Sturz einige Lehren gezogen:
1.: Nicht immer ist man hinterher schlauer! Ich weiss bis heute nicht den genauen Grund für den Sturz. Ich weiss noch, das der Hauptständer aufsetzte. Und dann ging ein Rad unter mir weg. Aber       welches? Ich bin mir fast sicher, dass es hinten war, aber eben – das bleibt ein Geheimnis meiner           Schneekuh...
2.: Bei 50-60 km/h bleibt verdammt viel Zeit, sich Gedanken zu machen, wie weh das wohl tun wird, gegen den Felsen zu prallen, der einem da entgegen kommt!
3.: Bei 50-60 km/h bleibt verdammt viel Zeit, durch den Reibungswiderstand der Kleidung (oder der Haut) soviel an Geschwindigkeit zu verlieren, dass der Aufprall am Ende eher mickrig ausfällt!
4.: Schutzkleidung ist gut!! Ich trage eine Textilhose der Nobelmarke Polo(…) und eine Jacke der Marke Zima. Kennt kein Aas, stellt aber Übergrössen her… Die Hose ist an vielen Stellen lederverstärkt. Ach ja, ich trug auch einen Rückenprotektor, leichte Lederhandschuhe mit Knöchelschutz und feste Lederstiefel. Mehr Enduro als Tourer, aber noch nicht ganz so blinkend .
5.: Glück und Pech liegen nah beieinander! Glück war es wohl, dass ich mit dem Lederbesatz an der rechten Hüfte/ dem rechten Knie und dem CE-geschützten Ellenbogen „bremste“. Pech war es, dass mir der Töff, der ja auf mir lag, dennoch die Hose unter dem Knie zerriss… zu blöd… Haut und Knochen hingegen blieben von einem blauen Fleck und einer Mini-Schürfwunde am Knie abgesehen völlig unbehelligt.
(OK, später merkte ich dann leichten Schmerz im Fuss. Noch später verzichtete ich dann darauf, den Stiefel auszuziehen in dem Wissen, diesen nie wieder anzubekommen. Und NOCH später – also jetzt – kann ich immer noch nicht wieder richtig laufen, aber es wird besser…)

6.: Training hilft! Auch Theorie!! Immer und immer wieder hatte ich gehört, wenn man aufs Maul fliegt, soll man versuchen, den Töff von sich wegzustossen, damit der Aufprall nicht so eklig wird! Ich hab das genau so gemacht!! Gut, es hat nicht geklappt, weil ich ja den rechten Fuss UNTER dem Töff hatte – aber ich weiss jetzt, das ich in solchen Momenten Erinnerung an das habe, was ich vorher trainierte und lernte! Und dadurch, dass ich absichtlich und unabsichtlich einigermassen geübt darin bin, meine Schneekuh vom Boden aufzuheben, ging auch dies problemlos.

Schäden? Zu der Schmarre am Zylinder kann ich nun künftig tolle Stories über meine Schräglagen zum besten geben… Das ABS ist offline, ein Blinker hängt traurig herab. Gut habe ich Panzertape dabei, so hat es schon bald seine Haltung wieder! Die Birne muss lediglich etwas zurechtgerückt werden, dann nimmt sie ihre Aufgabe wieder ganz brav wahr! Ich will ja hier nicht irgendwelche Lobeshymnen auf BMW singen – aber für diesmal bin ich froh, dass an diesem hervorragenden Töff nichts hervorragt!! Eine Vollverschalung hätte jetzt sicher einen Monatslohn verschlungen…
Noch etwas wackelig auf den Beinen und unsicher im Kopf mache ich mich auf die Weiterreise. Den Sturz noch in den Knochen nun auch noch ohne ABS… na super!! Und noch einige Pässe zwischen mir und dem Meer…
Irgendwann wird es mir dann mit der eigenen Unsicherheit zu dumm. Ich erkläre den Standort zum Übungsgelände und nutze die lange Grade zu einem ausgedehnten Bremstrainingsplatz. Zuerst ohne Gepäck und dann in vollem Ornat nähere ich mich ganz allmählich dem korrekten Bremspunkt an. Hinten problemlos muss ich doch beim vorne bremsen einige innere Schweinehunde abmurksen. Vor allem beim ersten Wegrutschen des Krades vorne kostet es Überwindung, gleich weiterzumachen.
Knapp 30 Minuten später bin ich wieder on tour, fühle mich etwas sicherer und kann das Ganze wieder vorsichtig geniessen.


Dennoch bin ich sehr dankbar, ein paar liebe Menschen zu kennen, denen ich mein Missgeschick erzählen und smsen kann – die Belastung ist für mich doch recht hoch. Einer dieser Menschen hat mir schnell die nächstgelegene Werkstatt für BMW genannt – und ein paar sehr wichtige Tips dazu. Dank dieser Tipps wurde dann in Cannes aus der vom Mech vorgeschlagenen Komplettsanierung des Steuergerätes im Wert von XXX,XX Euro ein Reset per Diagnosestecker, neue Bremsklötze und etwas Öl – 60 Euro inkl. Trinkgeld!!
Marc, was trinkst du??
Cannes, die Stadt der Nackten und Schönen vom Film… ich zähle mich derzeit zu keiner der Gruppen und verkrieche mich deshalb in einem schäbigen Hotel am Stadtrand – Wundenlecken.

16.7.
Nach der o.g. Reparatur geht es bei für mich sehr anstrengenden Temperaturen wieder auf die Piste. Ohne Gepäck und das erste Mal in meinem Leben auch ohne Schutzkleidung mache ich mich auch den Weg nach Monte Carlo.


Mit Bermudashorts, T-Shirt UND Schuhen trage ich schon erheblich mehr Stoff am Leib als alle anderen Verkehrsteilnehmer um mich herum. Unglaublich. Und tatsächlich fühle ich mich zwar sehr frei, aber auch verunsichert… Aber die Hitze hätte mich sonst ganz sicher getötet!!! Ich KÖNNTE mich an die hiesige Schutzkleidung gewöhnen...

oh, falsches Bild...


Nach all den Tagen in Einsamkeit und Ruhe ist mir das Treiben am Meer eigentlich zu viel. Nizza mit dem Motorrad ist wie… nein, es gibt keinen Vergleich. Kreiselfahren in Frankreich ist eh schon speziell – aber in Nizza???!
Eine Theoretisch zweispurige Strasse verengt sich nach der Kreuzung auf – theoretisch eine Spur. Schon allein dies ist ja in CH eine echte Herausforderung, der sich viele Dosenfahrer nur im Geschwindigkeitsbereich unter 10 km/h stellen.
Ganz anders hier! Grob geschätzt 15 Scooter und Töff lauern vor etwa 8 PW und 2 Lastwagen auf die pole position. Nebeneinander!! Um den Reiz zu erhöhen, verzichtet Frankreich ja auf dem Weg zum Grün auf das Gelb… Reaktionsvermögen ist also gefragt! Ich liege nach wenigen Sekunden im Bereich der top five! Ein Maserati hat sich aus der 2. Reihe frech nach vorne gemogelt und fährt in wildem Scooterslalom auf die Engstelle zu, dicht gefolgt von…mir! Da werden wir beide im letzten Moment von einer R6 blamiert, die sich rechts an mir und anschliessend links am Maserati vorbei anschickt, die Führung zu übernehmen! Desillusioniert lasse ich abreissen und sehe im Rückspiegel, wie eine unbestimmte Anzahl Scooter sich die Strasse mit einem unglücklich wirkenden Niederländer teilen… ich liebe Frankreich – hier ist man so gelassen und unkompliziert ...

Monte Carlo – reich, reicher, Spielbank. So offensichtlich regiert hier Geld die Welt (der Rolls Royce darf halten, das Corsa daneben wird gebüsst), dass ich mich in ein Café setze und mir diese fremde Welt genüsslich ansehe.


Da ich aber trotz unerträglicher Hitze mit diesem Ambiente nicht warm werde, verlasse ich Monaco bald über die Moyenne Corniche, eine wunderschöne Bergstrecke, und fahre zurück nach Cannes, wo ich dann am Strand die Nackten suche – die Schönen finde ich in Massen!
Diese Lippen...


17.7.
Ein Traum wird wahr!! Holger in St. Tropez. Kennt ihr das Gefühl, wie es ist, sich einen Traum zu erfüllen? Nicht einen der grossen, die das Leben massgeblich beeinflussen oder erst ermöglichen. Nein, einen der kleinen unscheinbaren und unwichtigen, die einen möglicherweise lebenslang unerfüllt begleiten… ein solches Gefühl stellte sich ein, als ich mich auf den Weg an der Küste entlang nach Südwesten machte. 20 Kilometer Strasse, 19 km Stau – auch so kann man seine Zeit verbringen. Ich habe mich dann hinter 2 Polizisten auf  Yamaha’s gehängt und bin mind. 15 km lang auf dem Mittelstreifen mit entspannten 15-20 km/h gereist. Wenn die Dosen zu eng standen, gab es die mahnende Sirene (mein Traum!!)
Und als sie dann abbogen, einen freundlichen Gruss für mich – ich liebe das Land!!!
Die letzten Kilometer waren eine Herausforderung! Ich hab mich einer Scootertruppe angeschlossen und die Reise auf dem Mittelstreifen fortgesetzt. Man muss diese komischen Roller ja nicht mögen, aber die Jungens darauf wissen wirklich genau, was sie tun! Die Mädels mal sicher auch...
Und obwohl St. Tropez selber wegen heilloser Überflutung durch Touristen eigentlich eine Ernüchterung war, so schwelgte ich einen Moment lang in Kindheitserinnerungen… im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft!

Zunehmend unerträglich wird mir aber das Gedrängel und der Lärm und die Hitze! Ich will wieder in „meine“ Berge zurück!
Gesagt, getan, auf dem Zettel steht nun der Grand Canyon de Verdon! Bergig genug? Die grösste Schlucht Europas hat es wirklich in sich!! Mehrere Stunden lang fahre ich auf beiden Seiten um das Naturschauspiel herum, halte unten am Verdon meinen recht stark schmerzenden Fuss und nachher den gesamten daran hängenden Körper in das eiskalte und klare Wasser und staune wieder einmal, was dieses durchsichtige und so weiche Zeug H2O bewirken kann, wenn man nur genügend Zeit lässt…


Weiter geht es. Am Ende dieser Etappe werde ich später gefragt werden, ob ich auf der Flucht sei.
Gewissermassen ja. Auf der Flucht vor dem Sturzerlebnis. Auf der Flucht vor den allzu vielen und allzu lauten Menschen und auf der Flucht vor der Hitze treibt es mich gen Norden. Mein Ziel heisst Signal de Lure.


Nach 2 Tagen hektischem Stadtleben zieht es mich wieder in die Stille – ich will mir auf der Passhöhe wieder ein feines Plätzchen suchen.
Finde aber keines…
Erst gegen 21.00 bemerke ich auf der Abfahrt Richtung Valbelle/ Sisteron einen kleinen Waldweg OHNE Fahrverbotstafel. Wohlgemerkt: Der letzte Ort liegt mehr als 20 km hinter mir – ein Berg dazwischen – der nächste Ort noch mind. 10 km vor mir.


Und so erscheint es mir knapp einsam genug, als der verträumte Waldweg nach einer leichten Kurve auf eine Lichtung führt. Selbst von der Strasse durch das Nichts aus bin ich nicht zu sehen… das IST einsam!
Aber nicht alleine, denn während der Nacht stellt sich heraus, dass diese Lichtung ein Knotenpunkt des tierischen Wildwechselsystems ist -  Wun-der-bar!!
Beim Essen sehe ich mich plötzlich einer echten Wildkatze gegenüber.
Da ich im Nichtstun ein echter Profi bin, haben wir uns eine Ewigkeit einfach so gegenüber gesessen, etwa 10 Meter Distanz zwischen uns. Ähnlich unserer Hauskatze ist der Körperbau, einfach etwas grösser, und die Ohren haben eine andere Form sowie Haarbüschel oben dran, die aussehen wie Fühlerantennen. Vermutlich sind sie auch genau dazu da… und plötzlich war der Waldbewohner weg und ich wieder alleine…

18.7.
Langer innerer Kampf, ob ich an diesem paradiesischen Ort bleiben soll oder nicht. Am Ende fahre ich weiter, wohl wissend, dass es schöner nun nicht mehr geht.
In Sisteron werde ich polizeigewaltig daran gehindert, Einkäufe zu tätigen – die Tour de France soll kommen! Bitte. Aber ohne mich!!
Col de la Machine und eine unwirklich schöne Nebenstrasse nach St. Jean-en-Royans (D76) sind die ersten Etappen des Tages.

In den Gorges de la Bourne auf dem Weg nach Grenoble nehme ich ein erfrischendes Bad. Bei St. Nizier, der Umfahrung von Grenoble, treffe ich dann einen Berner aus Norddeutschland, der mit seiner KTM auf dem Weg zur Ardeche ist… ein Plausch unter Nordlichtern ist Ehrensache!!
Der Fuss mag noch nicht wirklich schmerzfrei funktionieren, also verkürze ich meine Etappe etwas und nutze für eine kleine Weile eine gut ausgebaute und deshalb auch etwas langweilige Nationalstrasse Richtung Alpe d’Huez. Endlich wieder Kurven, die ihren Namen auch verdienen! Eine spannende Kehrenanlage vebindet die N91 im breiten Romanchetal mit dem Skiort in knapp 2000 Metern Höhe. Klar, hier oben MUSS man einfach den Lac Noir sehen – ich will dort zelten. Doch: Hier steht neben dem üblichen Wohnmobil gleich eine ganze Horde campender Nordrhein-Westfalen!!! Und für mich gibt es nichts Schlimmeres als Ruhrpottgermanen auf Campingfahrt!!!!
Also ab durch die Mitte – hier oben soll es doch ein kleines aber feines Schötterchen geben… Schnell hab ich den feinen Rundweg Richtung Besse gefunden und dann in Besse den Einstieg in den alten Schäferpfad. Auch ein fast leerer Campingplatz, der für 3 Euro waagerechten Boden, ein französisches Stehklo und eine Dusche zu bieten hat, ist dort zu finden. Sehr stimmungsvoll endet dann auch dieser Tag bei Kerzenschein, einem guten Buch und gutem Wein
.


19.7.
Ein grob geschotterter, teilweise von Geröll stark verengter Weg führt mich gleich nach dem Morgenessen über 1000 Höhenmeter hinab zur N91 zurück.

Die Pässekette Lautaret, Galibier und Télégraf steht an. Unübersehbar dringe ich hier in geweihtes Gebiet der Velofahrer vor! Und so drängen sich denn auch oben auf dem Galibier MASSEN von atemlosen Menschen auf dem Parkplatz, geniessen den Ausblick und stehen geduldig Schlange für das obligatorische Foto mit dem Schild „Galibier“.


Weiter. Weiter. Es treibt mich weg von diesem allzu bunten und lärmenden Treiben. Bei erster sich bietender Gelegenheit verlasse ich die N6, der ich kurz nach Westen folgte und fahre über kleinste Strässchen hinauf zum Col de la Croix de fer um dann am Col de la Glandon Richtung Norden abzubiegen.
Statt nun aber mein nächstes Ziel, den Col de la Madeleine, ganz normal anzusteuern, hat mir meine Schneekuh eingeflüstert, einen kleinen Nebenpfad zu wählen. Dieser führte mich über ungesicherte Privatstrassen, schöne Dörfer und nachher einen Pfad zum Instandhalten von Skiliften bis auf 200 Höhenmeter an die Passhöhe heran – feinste Schotter- und Steinpassagen inklusive!!


Im Übrigen kam fast immer, wenn ich anfing, mich wie ein Offroader zu fühlen, irgendein französischer Bauer mit einem Renault Kangoo oder ähnlich Banalem auf meiner Piste entlanggefahren und beraubte mich meiner Illusionen…
Ein weiterer Abstecher dieser Art endet nach wunderschöner Fahrt leider ergebnislos an einer Felswand – ich muss unverrichteter Dinge wenden…
Die letzte Nacht dieser Tour werde ich in Albertville verbringen. Ein schlichter aber sehr ordentlicher städtischer Campingplatz mit sauberen sanitären Anlagen sowie ein Paar aus Hamburg – unterwegs mit einer 12er GS – verhalfen mir zu einem sehr netten Abend inklusive prachtvollem Gewitter.

20.7.
Rund um Albertville gibt es, Olympia sei dank, viele wunderschöne Panoramastrassen. Nach 2 Stunden schönster Fahrt war ich also immer noch am gleichen Ort! Nachdem ich mich endlich sattgekurvt hatte, ging es dann über einen kleinen Col de la Forclaz Richtung Les Saisies.
Das Wetter macht irgendwie nicht wirklich mit, es droht von Anfang an mit Regen. Auch verhängen Wolken die Sicht, so dass ich auch heute vom Mont Blanc nur die Touristenströme in Chamonix mitbekommen werde. Und dann ist da auch diese unerklärliche Anziehungskraft der Heimat.., jedenfalls verzichte ich auf weitere Abstecher und düse auf der Diretissima den Mont Blanc entlang Richtung Schweiz.
Der Plan sah für den folgenden Zeitraum vor, bei einer Freundin in Bern zu übernachten, um dann mit leichtem Gepäck und einer anderen Freundin noch ein Kurzwochenende im Tessin anzuhängen. Kurz vor Bern stellte sich aber per sms heraus, dass mir mein Nachtquartier kurzfristig abhanden gekommen war! Und wohl wissend, dass ich bei meiner Mitfahrerin als Übernachtungsgast ungefähr so willkommen sein würde wie ein Herpesbläschen stellte ich mich also trotzig auf den Berner Campingplatz.
Frauen!!
Dieser Meinung war auch mein zeltender Nachbar, ein in die Jahre gekommener Hell’s Angel, der mit seinem abgewrackten Rat Bike und seiner Rauhaardackeldame ein paar Wochen Frankreich vor sich hatte. Wir zwei so unterschiedlichen Männer haben mit etwas Wein als Vermittler schnell eine gemeinsame Ebene gefunden, auf der es sich trefflich quatschen liess. Bis, ja, bis dann die Dame, wegen deren Ruhebedürfnis ich ja überhaupt auf diesem Platz gelandet war, (der ja wegen des Gurtenfestivals nicht nur hoffnungslos überfüllt und völlig ohne Nachtruhe war, sondern wegen etwa einstündigem Gewitterregen auch dafür sorgte, dass ich am letzten Tag ENDLICH einen nassen Schlafsack hatte!!) mit einer weiteren Flasche Vino am Platz auftauchte… Als hätte man diesen Wein nun nicht auch in einer Wohnung trinken können!!
Frauen!!

21.7.
Nach einer relativ schlaffreien Nacht im nassen Schlafsack (…) machten wir uns, nun zu zweit, auf den Weg über den Grimselpass nach Brigg und dann weiter zum Simplonpass. Oben auf dem Grimsel schafften wir es, die Wolken für einen Moment hinter uns zu lassen und konnten so ein herrliches Panorama geniessen. Ab dem Simplonpass, hinunter Richtung Domodossola, kam dann die Wärme zurück. Und zwar mit Macht. So wurden wir von strahlender Sonne und erstaunlich wenig Verkehr auf unserem Weg durch das Centovalli begleitet! Statt aber nun in Locarno oder Ascona einzukehren, machten wir noch einen kleinen Schlenker in Richtung Italien und kamen am See entlang nach Brissago. Hier war dann Reiseende im Hotel Primavera, einem Partnerhotel von Tourenfahrer.de. Zu recht, wie ich finde! Für 60 Franken gab es ein Bett mit Dusche und WC sowie ein reichhaltiges Frühstück. Vom Balkon aus hatte man einen sensationellen Blick auf den Lago Maggiore, denn das Hotel liegt etwas erhöht über dem Ort. Einige Garagenplätze und ein offener Parkplatz bieten ausreichend Platz für die Fahrzeuge – und der nächste Strand ist nur ein paar Minuten weg!
Herrlich, am Ende eines langen Tages die alten Knochen etwa 5 Meter tief in den See plumpsen zu lassen!!!
Promenadenspaziergang, Restaurantbesuch, Caféhausmusik, Balkonabend – die Erlebnisse und Ereignisse einer Gruppenreise – wenn die Gruppe auch nur aus 2 Personen besteht – unterscheiden sich doch beträchtlich von denen einer Alleintour! Ich musste mich sogar rasieren!!
22.7.
Valle Maggia. So heisst das heutige Etappenziel. Nach einem recht späten Start geht es los. Auf kleinen Nebenwegen erreichen wir dann irgendwann den Einstieg in dieses immer wieder beeindruckende Tal. Kurz darauf sind wir in Fusio, wo bei meinem letzten Besuch die Fahrt aprupt an einem Schlagbaum endete! Ganz anders diesmal – der Weg zum Stausee ist frei. Ebenso der weitere Verlauf der Strecke, also ist nach kurzem Blickwechsel klar: Da müsse mer nauf! Und ganz allmählich, nach und nach, zum Schluss dann aber doch deutlich steil, schraubt sich das Weglein auf fast 2000 Meter hoch, der Wandererpass Richtung Airolo ist am Ende in Sichtweite. Hier oben, noch oberhalb des kleineren 2. Stausees, befinden sich die letzten Schotterstrecken meiner Reise. Noch einmal lasse ich, lassen wir unserem Spieltrieb freien Lauf und jagen die Motorräder über Stock und über Stein – und durch Wasser…
So abgelenkt vergeht die Zeit wie im Fluge. Auch, weil bei der Rückreise ein Lastwagen in den Kehren steckengeblieben war und mit Hilfsmitteln und viel Fingerspitzengefühl mühsam um die Kurve laviert weren musste. Kommentar des Helfers: "Das wussten wir vorher, dass er an 3 Kehren steckenbleibt..." Zürcher eben! Und noch folgende Anekdote: Wir fahren zügig die Kehren hinab und werden dabei von einem Mountinbiker bedrängt. Ja, bedrängt! Mal rechts, mal links versucht er, uns zu überholen! Vor einer Rechtskurve muss ich wegen eines unsicheren Jeepfahrers fast stoppen. Natürlich kommt mein bikender Freund von hinten angebraust - und schneidet mich massiv. Um eine Kollision zu vermeiden ziehe ich nach innen in die Kurve. Der eh schon überforderte Italienische SUV-Fahrer glaubt nun, ich wolle ihn innen überholen (in einer Spitzkehre!!) und weicht nach aussen aus. Dabei beachtet er allerdings nicht den dort mittlerweile angekommenen Radfahrer. Als er ihn dann bemerkt, zieht er wieder hektisch nach innen, der Radler kommt davon. Den Anschiss für die aktion - bekomme ich!! Da langt es mir, ich nehme den Turbo und brettere hinter dem Kamikazeradler hinterher. Oben beschriebener Laster bremst dessen Fahrt aprupt, so dass er nun aussen in der Linkskurve steht und gafft. Ich fahre straight auf ihn zu, lasse den (lahm klingenden, ich weiss) Motor meiner Q aufheulen und fahre ihm langsam aber sicher in den Vorderreifen, so dass dieser auf den Kurvenrand gedrängt wird. Dann richte ich mich auf und brülle ihn aus voller Kehle an: "Wenn du Vollidiot noch einnmal..." der Rest ist, sagen wir mal, eingeschränkt druckreif... Ich hatte meinen Spass und er dann zuletzt doch etwas Sorge...
Der geplante Abstecher ins Verzascatal wird deshalb verschoben, wir machen uns auf den langen Weg zum Gotthardtpass. Das zieht sich… Logisch, dass wir weder den Tunnel noch die ausgebaute Strecke sondern die alte Tremola nehmen!!! Kehre an Kehre, Pflasterstein an Pflasterstein – wenn man diese Passagen hinter sich hat, bei denen eine Linkskurve DIREKT in eine Rechtskurve übergeht – dann kann man nur ehrfurchtsvoll an diejenigen denken, die mit ihren Händen dieses Bauwerk errichtet haben!
Wie immer ist der Gotthardpass ein Phänomen. Eine unwirklich schöne Landschaft mit charmant verfallenen Häusern – die kleine Kapelle an der Seite ist da ein schönes Beispiel – und daneben primitivstes Mechandizing und Aufbrezeln, dass es schon fast peinlich ist. So, wie natürliche Schönheit einer Frau durch zu dickes Make-up verschandelt werden kann, so wird die Ausstrahlung des Sees vernichtet durch eine blöde Postkutsche, die grellgelb in der Wassermitte prangt. Können die Postschnecken ihr Jubiläum nicht woanders feiern oder die Kutsche hinstellen, wo sie hingehört – auf den Parkplatz?? Unverständlich, wie so etwas in der sonst doch recht geschmackvoll agierenden Schweiz möglich ist… Ach ja, die Kälte hat mich wieder eingeholt! Nachdem in der ersten Nacht auf dem Col de Finestre das Thermometer bis auf 2 Grad fiel, wurde es auch jetzt so frisch, dass ich froh um meine Griffheizung war!!!
Auf dem Susten sind wir uns dann einig: Jetzt wär es doch schön, daheim zu sein!!! Doch bis nach Bern ist es noch ein ganzes Stück, welches wir dann ganz unspektakulär auf der Autobahn hinter uns bringen…
23.7.
Die letzten 100 Kilometer von Bern nach Zürich reise ich ganz entspannt auf der alten Verbindungsstrasse und lass meine Gedanken schweifen. Ich habe spannende Tage hinter mir, einen dreckigen Töff unter mir, einen Waschtag vor mir – und so viele Eindrücke in mir, dass es wohl langen soll - bis zur nächsten Reise!