SBB 2010 (Schweiz -Baltikum - Balkan)
Eine Reise durch Alt und Neu
Vor fast 20 Jahren verbrachte ich einen sehr intensiven Monat in einer estnischen Familie. Ich lebte mit ihnen in Verhältnissen, die ich als verwöhnter Wessie nur aus dem Fernsehen kannte. Und wurde mit einer Wärme empfangen, die ich so nur aus meiner eigenen Familie kannte.
Schnell entstand der Traum, einmal mit dem eigenen Fahrzeug dorthin zu reisen, um die entstandene Freundschaft zu erneuern.
Es sollte bis 2010 dauern, dass ich mir diesen Traum erfüllen konnte.
Ende Juli war der Töff gepackt, es ging los auf die 3wöchige Tour rund um die Ostsee. Der ursprüngliche Plan, das baltische Meer tatsächlich zu 100% zu umkreisen, wurde mangels Zeit abgeändert. Mittels Fähre würde ab Stockholm direkt nach Tallinn übergesetzt werden.
26.7. Also begann ich an einem bedeckten Montag meine Tour mit einem Gewaltmarsch Richtung Geburtshaus in Niedersachsen. 815 verregnete Autobahnkilometer und 10 Stunden später war die erste Etappe geschafft und Deutschland beinahe durchquert. Ich hatte gleich am ersten Tag experimentell bewiesen, dass meine Regenbekleidung ihren Namen verdient!

27.7. Am nächsten Tag ging es auf die altehrwürdige Vogelfluglinie Richtung Kopenhagen (DK). Doch zunächst galt es, auf Fehmarn die vorbestellten Pneu aufziehen zu lassen.
Vor Ort stellte sich dann heraus, dass grade kein Platz in der Werkstatt war. Wegen defekter Hebebühne ging dort grad nix mehr. Also wurde mein Töff, wie schon oft, im Freien von seinen Rädern befreit und mit neuen Stollenreifen besohlt. Pünktlich zu diesem Anlass setzte dann der Regen wieder ein. Freunde des TKC wissen, wie viel Spass es macht, diesen Pneu bei frisch beregneter Kopfsteinpflasterstrasse einzufahren…

Wenig später erreichte ich die erste Fähre meiner Tour und verliess wenig später das europäische Festland in Richtung dänische Inseln. Das Ziel, die Jugendherberge in Ringsted, war dann bald erreicht.
Was ist das? Artgerechte Unterbringung einer GS oder eine Grossraum-Kawa?
28.7. Über die nächste Etappe nach Stockholm gibt es lediglich zu berichten, dass meine GS einen guten Geradeauslauf hat – das habe ich im Langzeittest herausfinden können… Allerdings unterbrochen von einem ganz besonderen Kleinod – dem Werksmuseum von Husqvarna! Allein das Gebäudeensemble am Wildbach ist einen Stop wert. Dann aber in eng gedrängtem, altem Raum zig alte, sehr alte und auch skurrile Zweiräder zu bestaunen sowie nebenbei das gesamte historische Portfolio der Weltfirma Husqvarna zu bestaunen (von der Nähmaschine bis zur Panzerfaust ist alles dabei) zu erleben… mich hat es sehr beeindruckt!

29.7. In Stockholm erwartete mich dann Nebel und Regen. Es war geradezu aberwitzig, im Sightseeingboot zu sitzen und der Stimme vom Band zu lauschen:“Links sehen sie die Villa von…“ und das Einzige, was zu erkennen war, war die Nebelwand!!! Am Nachmittag kam dann auch der bereits vermisste Regen dazu, der mir aufzeigte, dass man in Skandinavien NIE allzu viel Distanz zwischen sich und die Regenjacke bringen sollte. Ich musste dies auf die harte (nasse) Tour lernen.

Am Abend ging es dann auf das grosszügig dimensionierte Fährschiff, welches mich über Nacht nach Tallinn verschiffen sollte.
Anders als das Vorgängerschiff, die unglücksselige „Estonia“, schaffte mein Transportmittel dies auch. Und zwar sehr komfortabel!
28.7. Die Tage in Tallinn dienten vor allem der Vergangenheitsbewältigung: Würde ich Menschen, Orte, Situationen wiedererkennen?
Um es kurz zu machen: Ja, genauso war es. Ich habe diese Tage so intensiv erlebt wie lange nichts zuvor. Der unfassbare Wandel, den dieses kleine Land in 2 Jahrzehnten vollbracht hat, ist für jedermann zu sehen. Aber wenn man einen direkten Vergleich zu früheren Zeiten hat, kann man die Leitung noch ganz anders würdigen.
Und natürlich kann man auch sehr klar erkennen, wer wie auf der Strecke blieb. Es dauerte nicht lange, bis ich die Quartiere der Vergessenen fand, die Wohnorte derer, die den Anschluss an die neue Marktordnung nicht geschafft hatten oder denen man den Zugang verwehrte.
Wie alle Völker tut auch Estland sich schwer mit Vergangenheitsbewältigung und lässt bis zum heutigen Tag die berechtigte Wut über die jahrelange Besatzungsmacht Russland ungerechtfertigter weise an den im Land lebenden Russen aus. Diese kamen ja nicht als Besatzer sondern wurden aus ihrer Heimat ach Estland zwangsumgesiedelt. Ebenso wie viele Esten in Russland landeten. Mit grausamer Effektivität versuchte Stalin so, die kleine Nation zu zerstören. Was ihm in Lettland beinahe gelang, schlug in Estland fehl!
Zusammen mit den anderen baltischen Staaten lehnte sich Estland mit einer erstaunlichen Waffe gegen die Okkupanten auf: Sie sangen sich frei! Nicht nur die mehrere 100.000 Menschen starke Sängerkette quer durchs Baltikum verschaffte ihnen Gehör – es gab auch in jedem Land riesige Sängerfeste, bei denen mehr als 1/3 der gesamten Bevölkerung anwesend war. So wurde überdeutlich, wie sehr der russische Versuch der Russifizierung des Baltikums gescheitert war.

Bekanntlich konnte Russland diesem Druck nichts entgegensetzen. Gewalt hätte sofort als Aufruhr bekämpft werden können. Aber kulturelle Emanzipation, dagegen sind Waffen machtlos. Ein Fakt, welches man in den Kriegs(treiber)ministerien dieser Welt einmal bedenken sollte.
Seitdem sind die Sängerfeste des Landes beinahe staatstragend. Sie stellen das Rückgrat des estnischen Selbstverständnisses dar, sind kulturelles Zentrum der Kultur. Nicht nur, weil sie in Anwesenheit des Regierungschefs und mit militärischen Ehren eröffnet werden, sondern weil sowohl Staat als auch freie Kulturschaffende sich einig sind in der Bedeutung dieses Anlasses. Wo in Europa findet man sonst einen hochsubventionierten Anlass, der sowohl vom Staat als auch von der alternativen Szene anerkannt wird? DAS ist das besondere am estnischen Sängerfest. Und ich gebe ganz offen zu, sehr stolz darauf zu sein, dass ausgerechnet mein Freund, der 1991 mein Gastgeber war, es geschafft hat, vom jungen Musikstudenten zum nun schon langjährigen Gesamtleiter und Chefdirigenten dieses Festivals zu avancieren!
Hirvo Surva ist mittlerweile einer der führenden Musiker im Baltikum, erfindet neue Events, in welchen er den klassischen Knabenchor mit Punkrock verknüpft, lässt die traditionelle Musik des schamanischen Baltikums aufleben und bringt mit seinem Schaffen viel Hoffnung in die ganze Region.
Für 2 Tage waren wir wieder die grossen Jungs von 1991, die beim Rotenburger Audihändler einen halbtoten Audi 100 erbettelten. Lachten über die Tatsache, dass Hirvo dann ohne Führerschein bis nach Tallinn fuhr und erst 5 Jahre später mal erwischt wurde. Genossen die Zeit und die Tatsache, dass wir uns nach 20 Jahren Pause so gut verstanden wie eh und je. Und ignorierten, dass es vermutlich wieder Jahre dauern wird, bis wir uns wiedersehen…

2.8. Aber allmählich wurde meine Schneekuh ungeduldig. Also ging es 1 Woche nach meinem Aufbruch in Zürich auf estnische Strassen in Richtung Hijumaa, einer kleinen, wunderschönen Insel in der Ostsee.

Die grosse Schwester Saremaa hatte ich 1991 ausgiebig besucht und mich diesmal für die damals für Ausländer verbotene Insel entschieden. Eine gute Wahl! Schon auf der Fähre fiel mir auf, dass hier fast ausschliesslich Esten reisten. Will sagen: Der Touristenboom bleibt hier aus. Und als ich dann 50 schottrige Kilometer später an der Nordspitze Hijumaas ankam, erwartete mich ein Traum.
Weisser Strand und bewachsene Dünen, keine Menschenseele weit und breit, einige wenige spartanische Holzhütten auf dem vordersten Dünenrücken…. Herz, was willst du mehr! Logisch, dass ich hier Quartier bezog. Das Ressort „Surfer paradise“ bietet neben der sensationellen Lage auch eine Menge Spass. Vom Leihquad inkl. Spannender Touren über Surfkurse bis hin zum Jetski ist alles zu haben. Bis auf Toilettenspülungen – das WC ist ein historisches Holzhäuschen mit Herz in der Tür… ein Donnerbalken!
Es kam, was kommen musste – ich stürzte mich voller Eifer auf den Jetski!

Und kurz darauf stürzte sich die Ostsee auf mich! Wellen aus mindestens 6 Himmelsrichtungen stürzten gleichzeitig auf mich ein. Wellenkämme von mindestens 8 Metern Höhe liessen das „Boot“ mehrfach beinahe kentern, bis ich dann entnervt aufgab und an Land zurückkehrte. Hier erfuhr ich dann, dass die Wellenkämme nur gefühlte 8 Meter hoch waren. In realem Mass gemessen waren es etwa 40 cm…
3.8. Der nächste Morgen begann mit Wut. Gopf, ich WOLLTE diese verdammte Jetskipleite ausgleichen!
Also stürzte ich mich 1. in den finanziellen Ruin und 2. in die wellenfreien Fluten und nahm den Kampf mit den Elementen erneut auf. Und was soll ich sagen: Jetzt ging es! Der Instructor zeigte mir noch den Tacho und meinte, dass ich evtl. nicht die Highspeed von 100 km/h austesten müsse – das sei dann doch schon recht speziell zu fahren. 50, 60 km/h wären gut für den Anfang.
Und so liess ich es denn ruhig angehen. Ich musste schnell zugeben, dass der Instructor recht hatte. Schon bei Tempo 60 reichten mir Wellen“berge“ von 10-20 cm, um komplett abzuheben und kleinere Sprünge hinzulegen. Selbst der Neoprenanzug konnte bei dem Fahrtwind ein Auskühlen nicht wirklich verhindern. Du die Lenk- und Bremsmanöver…. Wow! Immerhin ist hier kein Ruder am Werk, sondern der Jetstream, also der Wasserstrahl der Düse, wird nach links oder rechts gelenkt! Will sagen: Ohne Gas kein Richtungswechsel. Adrenalin ist dir sicher. Dann noch das Wissen, dass der Kurvenradius nicht durch die Technik sondern durch die Schwerkraft begrenzt wird (der Jetski schafft auch den engsten Radius, wirft dann aber den Fahrer ab!), welches selbst eine einfache Kurve zum Highlight machte… und irgendwann war dann einfach die Zeit um.
Mit einem Grinsen, welches nur durch die Ohren begrenzt wurde, endete dieser Trip in den Irrsinn.
Nein, er endete mit der Erkenntnis, dass mein Instructor vergessen hatte, den Tacho von Meilen auf km/h umzustellen! Kein Wunder, dass mir Tempo 60 so schnell vorkam wie mein Töff auf Schotter: Ich war mit knapp 100 Sachen auf dem Wasser unterwegs gewesen! Nochmal: Wow!
Natürlich musste in dieser Umgebung sowohl gewandert als auch gebadet werden. Auch der aus Paris importierte Leuchtturm und die sowjetische Raketenbasis wurden besichtigt, bevor es dann weiterging durch das estnische Inland Richtung Narva, der alten Grenzstadt nach Russland.
4.8. Kurz vor Narva befindet sich Estlands schwarzes herz: Die Kohlenminen von Kohtla-Järve. Ölschiefer heisst der Fluch und gleichzeitig Segen dieser Region. Zu Heizzwecken miss- und für die Chemische Industrie gebraucht ist dieser Bodenschatz eines der wirtschaftlichen Standbeine der Sowjet-Republik gewesen. Und auch das heutige Estland baut diesen Rohstoff ab. Gottseidank zunehmend weniger als Brennstoff. Zu gut erinnere ich mich an den eigentümlichen Gestank aus den Schornsteinen, den man jetzt nur noch in den abgelegenen Dörfern wahrnehmen konnte.

In dieser Landschaft, die irgendwo zwischen Hochmoor, Heide und Seeland angesiedelt ist, haben Hirvos Eltern einen kleinen Bauernhof, eine alte Datscha und verbringen dort ihren Ruhestand. Ich war eingeladen, sie zu besuchen. Sie wollten mir nach 20 Jahren dafür danken, dass ich ihnen damals auf dem Schwarzmarkt und gegen Dollar 10 kg Zucker besorgt hatte. Bis zum Abend war dann die ganze Grossfamilie dort angekommen und es gab ein Fest, von dem mir noch heute der Kopf brummt.
Zum Glück war ich auch für solche Fälle gut gerüstet:

Nach diesem Fest endete der 2. Teil meiner Tour. Bis Stockholm war quasi Anreise. In Estland ging es um Freundschaft, um Vergangenes und um Heutiges. Ab jetzt würde es ums Reisen gehen!
5.8. Ich machte mich also auf den Weg in Estlands Süden. Eine Region die als „estnische Schweiz“ bezeichnet wird. Naja… Tatsächlich aber befinden sich die höchsten Erhebungen des Landes hier. Und dazwischen eingebettet sind viele kleine Seen. Wenn man also mit dem Begriff „Schweiz“ als Landschaftsbezeichnung einfach nur „wunderschöne Gegend“ meint, dann stimmt alles.
Ca. 20 km von der lettischen Grenze entfernt suchte ich einen Campingplatz und mietete mir eine der Holzhütten. (Erst als mitten in der Nacht weitere Gäste die Hütte betraten, wurde mir klar, dass ich nur ½ Hütte gemietet hatte. Merke: Künftig immer ausreichend bekleidet aufs WC gehen…).

Die estnische Schweiz hat wunderschöne Wege für Grossenduros zu bieten.

Waren auf Hijumaa die geschotterten Hauptstrassen noch mit festem Schotter bedeckt, war es hier im trockeneren Süden eher fester Sand, der noch dazu ganz frisch gewalzt worden war. Nach kurzer Eingewöhnung fuhr es sich ier wie auf eidgenössischem Asphalt. Bis ich feststellte, dass der Untergrund von trocken zu lehmig gewechselt hatte, ohne mir dies vorher mitzuteilen. Diverse Hirnwindungen und Reflexzonen sowie Schweissdrüsen vollbrachten in den kommenden Sekunden Meisterleistungen, denn es galt, die gesamte Fuhre von gut 100 km/h auf eine dem Rutschfaktor angepasste Geschwindigkeit zu drosseln ohne dabei vollständig aufs Maul zu fliegen. Irgendwie gelang dies denn auch und ich gondelte nun mit knappen 60km/h vor mich hin.

Später kam dann der berühmte fotogene Storch. Ich hielt an und stellte fest, dass mein Stiefel bei weitem nicht so profiliert war wie der TKC! SO hatte ich den bei mir üblichen Ferien- Umsturz diesmal verletzungsfrei hinter mich gebracht…

7.8. Der einzige Fixpunkt auf meiner Route war der Tag der Rückkehr.

Alles andere sollte sich spontan ergeben. Und als ich am nächsten Tag in den lettischen Wäldern unterwegs war, überkam mich spontan eine Unlust, dieses Land länger zu besuchen. Gründe dafür weiss ich keine. Aber da ich ja nicht im Job sondern in den Ferien war, konnte ich für einmal aufs Analysieren verzichten und ganz spontan meiner Unlust folgen. So besuchte ich lediglich das von Regina und Sasha so hervorgehobene Uralmuseum mitten im Nirgendwo von Lettland. Diese private Sammlung wurde von einem echten Unikum präsentiert. In den kommenden 2 Stunden durfte ich die Geschichte des schweren Gespanns Ural von seinen Anfängen vor dem 2. WK (es ist eine Lüge, dass die Dinger erst im Krieg bei BMW geklaut wurden! Sie wurden bereits VOR dem Krieg gekauft und kopiert. IM Krieg selbst kämpften dann Russenboxer gegen Wehrmachtsboxer…) bis heute. Optisch sieht man den Unterschied zwischen dem 46er Gespann und dem von 1994 erst auf den 2. Blick. Anspringen tun beide gleich gut. Lediglich das MG auf dem alten Gespann fehlt bei der jüngeren Version…
Das Nazioriginal, Verzeihung: Das Wehrmachtsgespann. Daneben die russische Kopie

Nach den Motorrädern kommt der spleenige Rest: Munition und Waffen, die in der hart umkämpften Region in 2 Kriegen zurückblieben. Dramaturgisch sinnvoll wurden erst Pistolen, dann Landminen – und dann Prothesen nebeneinander gehängt. Dazu Uniformen und Helme, zumeist mit vielsagend präsentierten Löchern in Stirn- und Brustbereich. Die Sprachbarriere war da irgendwie kein Problem.

Als gut sozialisierter Deutscher mit sehr klar antifaschistischer Haltung musste ich schlucken, als dort in übergrosser Deutlichkeit ein Hakenkreuz auf der SS-Standarte über dem Wehrmachtsgespann hing. So wie der rote Stern über der M72-Kopie daneben.
Aber der lakonische Kommentar des Sammlers in gebrochenem Deutsch lautete: „Das Lettland sein. Bruder Soviet, Bruder Nazi. Aber beide vor allem Bruder. Flagge nicht Politik, Flagge History!“ Offenbar gab es diese Situation in vielen Familien Lettlands, wie seine Frau bestätigte.
Haben die beiden nun diese Zeit verherrlicht? Oder halten sie nur Erinnerungen wach? Die Sprachbarriere verhinderte, dass ich dieser Frage nachgehen konnte. Aber sie verhinderte nicht, dass ich mit kindlicher Freude im Beiwagen eines Uraltural durch Gelände geschaukelt wurde. Nachdem ich Platz genommen hatte, bekam ich eine Batterie in die Hand gedrückt und musste bis nach dem Start die Kabel auf die Kontakte drücken. Danach braucht ein Ural keine Batterie mehr… Wäre ich nicht eh schon diesen Eisenhaufen verfallen – spätestens diese Tour hätte meine Begeisterung geweckt!

Den Abend verbrachte ich dann an einem See im Süden Lettlands. Meine Platznachbarn kamen mit ihrem Toyota grade von einer 3monatigen Tour durch Russland zurück. Auf dem Weg in ihre französische Heimat hatten sie viel erlebt. Bei Rotwein, Käse und Poulet erzählten wir bis tief in die Nacht. Genau das sind die Momente, wegen denen ich überhaupt auf Reisen gehe!

8.8. Weiter geht’s!
Litauen
Mittlerweile hat ja das Internet auch mein Reisegepäck erreicht. Und so erfahre ich per UMTS-Stick und Netbook, dass sich eine Gewitterfront über der Ostsee festgesetzt hat. Ich weiss aus meiner Zeit als Küstenbewohner, wie sich das anfühlt, wenn eine Schlechtwetterfront sich an der Küste festsetzt und beschliesse deshalb, mich schleunigst von der Ostsee zu verabschieden und weit ins litauische Landesinnere auszuweichen. Nun, ich fuhr dann manchmal in Sichtweite der litauisch-russischen Grenze tatsächlich trocken weiter durch Regionen, wo tags zuvor ein heftiges Unwetter Chaos verursacht hatte. Ganze Wälder entwurzelt, Flüsse über die Ufer getreten, ganze Landstriche unter Wasser. Der Plan vom wilden zelten hatte sich erledigt!

Anders als das vorwiegend waldige Lettland bietet Litauen wieder viel Abwechslung. Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft prägen das leicht wellige Land. Wegen des Hochwassers bin ich gezwungen, auf Teerstrassen zu bleiben. Und so kommt es, dass ich eher unfreiwillig und unbedacht am Abend das gesamte Land durchquert habe, ohne dies zu registrieren.
9.8.

Masuren begrüsst mich, als ich in Polen einreise, mit strahlender Sonne und einer Hundertschaft an Störchen.

Ganz nach Lust du Laune folge ich den roten (Teer) oder gelben (Schotter/Sand) Strassen der guten Strassenkarte, die ich an der Tankstelle erworben hatte. Und irgendwann erreiche ich dann die Wolfsschanze, den sog. Führerbunker. Von dieser Anlage aus koordinierte Hitler und sein Stab den Ostfeldzug. Die imposante Anlage ist, wenn man ehrlich ist, nichts als ein bewachsenes Trümmerfeld.

Dennoch beeindruckend zu sehen, wie sich die Natur nach und nach selbst dickste Betonwände zurückholt. Was ist es, was die Besuchermasen antreibt? Die Faszination des Grauens? Wehmut von Altnazis? Geschichtsbewusstsein? Nun, ich hab mich über eine Stunde dort hingesetzt und die Gruppen beobachtet: Ich fürchte es ist von allem etwas. Da gab es Altvordere, die heimlich vor Ruinen salutierten, Jugendliche, die ihre Pubertät auch hier ungeniert auslebten, die übliche Japanertruppe, die im Eiltempo das Gelände durchschritt – und dann natürlich Leute wie mich, die schlicht nicht wissen, was sie in dieser Umgebung eigentlich sagen, denken und fühlen sollen. Leider gab es auch hier die besondere Touristenspezies, die kulturelle Dinge nur als notwendiges, womöglich im Pauschalpreis inbegriffenes Übel ansehen, welches die einzelnen Mahlzeiten voneinander trennt. Unverwechselbares Kennzeichen dieser Spezies? Ganz einfach: Egal, ob sie vor Pyramiden, Galgen, alten Brücken oder noch älteren Grabstätten stehen: Gesprächsthema in der Gruppe ist nicht der besichtigte Ort sondern die Frisur von Frieda, der kesse Blick des Paul zu seiner Nachbarin, der versoffene Alte am Nebentisch, die FRECHHEIT der Schlampe aus 402, die sich einfach an einen anderen Tisch setzt als am Vortag…
Fand ich diese absonderlichen Menschen schon immer eher nervig – hier haben sie mich noch mehr entsetzt als der alte Mann, der heimlich die Ruinen mit dem Hitlergruss verliess.
Nach diesem menschlichen Abgrund folgte dramaturgisch korrekt der fahrerische Höhepunkt. Die laut Karte als Landstrasse eingestufte Verbindung Richtung Tagesziel entpuppte sich als Feldweg mit schnell nachlassender Qualität! Zuerst noch 2 schottrige Fahrspuren im Wald, dann 2 Pfad zwischen Feldern, der anfangs mit tiefem Sand gefüllt war.
Sand kann ich nicht!
Das merkte ich bei jedem schlackrigen Meter, den ich mich mit der plötzlich tonnenschweren GS vorkämpfte. Längst lief der Schweiss in Strömen, als sich herausstellte, dass die sanfte Neigung des Weges direkt in mein Unheil führte: Auch hier gab es Hochwasserschäden. Und Wasser sammelt sich traditionell am tiefsten Geländepunkt. Was in diesem Fall der vor mir liegende Hohlweg war. Mutiert zu einem Kanal von einem knappen Kilometer Länge und undefinierbarer Tiefe war mir klar, dass der Weg für mich hier enden musste. Nur: Wie bekam ich nun die Fuhre zurück? Anders als mein Ural hab ich ja keinen Rückwärtsgang. Und ein Singletrail bietet kaum genug Platz zum Wenden…
Ich hatte in knapp 10 Minuten vielleicht 20 Meter Rückweg geschafft, da kam dann die Rettung in Form eines Betrunkenen. Dieser nahm erst mal einen kräftigen Schluck aus meiner Whiskeyflasche um sich dann mit Bärenkräften an das Stossen meiner GS zu machen!!! Es war ihm völlig egal, dass ich mich um Details wie Gleichgewicht etc. zu kümmern hatte: Mit all seiner beachtlichen Kraft stemmte er sich gegen meinen Busscheinwerfer und schob und schob und schob! Irgendwann hielt er an, und ich dachte: OK, nun ist er reif für Pause und Nachschlag aus der Pulle… Stattdessen zeigte er auf einen schmalen Holzsteg, der auf den Stoppelacker führte. Kurz gesagt: Der Steg hielt, die Schneekuh wurde zum Stoppelhopser und meine Q und ich fuhren entspannte 5 km auf diesem Kolchosenfeld entlang an der Regenflut vorbei.
Der mit dramatischen Gesten beschriebene Busch am Ende des Feldes ward schnell gefunden, der schmale Übergang auf den Weg direkt daneben ebenfalls. Bevor ich meinem Retter übrigens ein paar Euro geben konnte, war dieser schon wieder weg. Er war stockbesoffen aber einfach nur hilfsbereit...
Ich gebe hier offen zu: Das Feld hab ich noch etwas zum Spielen missbraucht – weil es einfach so genial war!!!!

Irgendwann ging es dann weiter – Wolken am Himmel machten die Vorstellung eines Daches sehr reizvoll.
Gegen Abend war dieses Dach immer noch nicht in Sicht, wohl aber der Wolkenbruch. Dieser erwischte mich denn auch prompt, so dass ich statt Zelt ein nahegelegenes Hotel bezog.

Fazit: Auch wenn der Hotelbesitzer effektiv durchgeknallt sein muss, ist es traumhaft schön, mitten in einem Nationalpark an einem masurischen See zu sitzen und den Feierabendwein zu trinken! Um das ausgiebig tun zu können, legte ich einen Pausentag ein, der komplett mit wandern, lesen und geniessen angefüllt war. Herrlich!

11.8. Nach all der Spielerei im Sand und Dreck und Wasser war nun wieder eine grössere Etappe angesagt: Ich hatte mir vorgenommen, die Mitte Polens auszulassen und die Direttissima nach Krakau zu nehmen, wo ich wieder etwas Kultur einsaugen wollte.
Lernerfolg: Liegt eine Stadt wie Warschau (ohne Ringstrasse) auf der Direttissima, ist die Direttissima nicht unbedingt eine schnelle Verbindung. Ganz Warschau ist offenbar eine einzige Baustelle. Und ganz Polen war offenbar auf den Strassen um dies anzusehen! Das war wohl der längste Stau meines Lebens.
Und wenn bei uns darüber diskutiert wird, ob Töffe auch mal zwischen 2 stehenden Kolonnen durchfahren dürfen oder die Busspur nutzen – in Polen werden diese freien Verkehrsflächen durch jedes beliebige Verkehrsmittel gefüllt!!! Ich denke, die Rushhour in Warszawa kann als gutes Training für Mumbai oder Hongkong oder Tokyo dienen.
Nebenbei: Man beachte den Kilometerstand...
Irgendwann kam dann aber auch ich am Ziel an. Ein einfaches und günstiges Hotel am Krakauer Stadtrand mit Tiefgarage für Schneekuh und Dusche für Holger!
12.8. Krakau ist mir aus Studienzeiten ein Begriff. Erstens kam Petra, eine Kommilitonin, aus dieser Stadt (hier folgen keine weiteren Infos!), zweitens befindet sich hier eine der ältesten Universitäten der Welt in einem fast vollständig erhaltenen gotischen Gebäude! Das musste ich sehen. Und es lohnte sich, diese Stadt zu besichtigen. Sehr gut erhaltene und sehr geschmackvoll restaurierte Architektur, pulsierendes Leben und jede Menge Geschichte: Jüdisches Quartier, jüdisches Ghetto, Schindlers Fabrik, die Altstadt, der Burgberg… stunden- und kilometerlang lief ich durch die alte Metropole mit den vielen Gesichtern um dann am Abend halbtot in der Sauna zu entspannen.
Oskar Schindlers Fabrik

13.8. Wer ein gewisses Interesse für die jüngere Geschichte mitbringt, wird bei Krakau sofort an Auschwitz denken. Am nächsten Morgen fand ich mich in aller Frühe dort ein, denn im Sommer dürfen Einzelgäste nur bis 10:00 rein. Ab dann herrscht Gruppenzwang. Den restlichen Tag verbrachte ich zwischen Faszination, Grauen, Ekel und Nachdenklichkeit.

Was war das Schlimmste an Auschwitz? Die noch vorhandenen Brennöfen? Das gestapelte Menschenhaar? Die Erschiessungswand? Die Lumpensammlung? Das alles ist grausam und menschenverachtend, ja. Ich verstand die jungen Leute, die beinahe aus der Gaskammer herausliefen, weil sie es nicht aushielten. Ich verstand die alte Frau, die weinend die Koffer der Ermordeten betrachtete. Ich verstand auch den alten Mann, der voller Zorn auf mich ein schimpfte. Denn ich sah seine Nummer am Handgelenk. Ich kann von keinem ehem. KZ-Häftling erwarten, dass er Deutsche als Menschen ansieht. (Im Übrigen klärte sich das schnell. Er dachte, ich hätte ihn ungefragt fotografiert. Er hatte GAR nichts gegen mein Volk, hatte uns längst verziehen).
Das für mich absolut grausamste war die kalte Berechnung, die aus all den Formularen und Quittungen ersichtlich wurde. Das Morden und Töten in Auschwitz war streng geordnet, katalogisiert und Standardisiert worden. Mit heutigen Worten gesprochen hätte man Auschwitz sicherlich ein QM-Zertifikat gegeben. Denn alle Schnittstellen waren penibel beschrieben, Ziele klar formuliert und umgesetzt worden! Es ist die Effizienz der Tötungsmaschine, die sich mir eiskalt mitteilte.

Natürlich ist es in meinen Augen Unsinn, den Faschismus als typisch deutsch zu bezeichnen. Damals wie heute hat so ziemlich jedes europäische Land Dreck am Stecken in dieser Beziehung.
Typisch deutsch hingegen dürfte die Fähigkeit sein, sich völlig vom Subjekt, von der konkreten Tat zu lösen und sich statt dessen voll auf die Perfektionierung administrativer Abläufe zu konzentrieren. Es gab dort Schichtpläne, nach denen getötet wurde!


„Die Banalität des Bösen“ wurde dies von einer Schriftstellerin genannt, deren Name mir nicht mehr haften blieb. DAS war eine taktische Meisterleistung des bärtigen Diktators und seiner Mannschaft, die mir nachhaltig Angst machte. Denn DIESE Fähigkeit haben wir Deutschen immer noch, fürchte ich.


Der letzte Teil meiner Reise führte mich aus dem immer noch flachen Polen hinein in die Slowakei. Hier begannen nach und nach wieder die Berge, die ich in den letzten 5 Jahren so sehr schätzen gelernt habe.

Aus Hügeln wurden Anhöhen, daraus entstehen Berge und irgendwann war ich dann im Slowenischen Gebirge. Hä? Slowakei oder Slowenien – was denn jetzt?
14.8. OK, ich verbrachte eine Nacht in der Slowakei und fuhr dann weiter nach Ungarn.

Mir war unterwegs ein wenig die Zeit weggelaufen, so dass ich nach und nach etwas zur Uhr schauen musste. Tja, und weil ich nach der hügeligen Slowakei einfach keine Lust auf das flache Ungarn hatte, hab ich dieses sicher wunderschöne Land im Eiltempo durchritten und übernachtete dann in eben besagtem Slowenien.

Hier gibt es wirklich alles, was ich mir von einem Motorradland wünsche: Guter Asphalt, tolle Schotterpisten, feine Kurven, unglaubliche Landschaften, nette Menschen, bezahlbare Unterkünfte, günstigen Sprit und gutes Essen. Ein Paradies!
15.8. Vorbei an unscheinbaren Dörfern oder prunkvollen Schlössern (Bled)

machte ich mich auf den Heimweg. Aber zuvor wollte ich noch an das andere Ende von Slowenien – die Adria! Nur ca. 45 km ist die slowenische Küste lang – da drängeln sich dann Raffinerien, Containerhafen und Badestrand für übelsten Massentourismus etwas.

Kurz: Es war furchtbar und ich war froh, am nächsten Morgen aufbrechen zu können zur vorletzten Bergwertung: Von der Adria in Richtung Österreich.
16.8. Bei strahlender Sonne verliess ich die Badewanne der Teutonen und machte mich auf in die kargere Bergregion. Vorbei am wunderschönen Hauptstädtchen Lubljana
führte mich die Karte über viele geschotterte und geteerte Strassen und Wege kreuz und quer durch das Land.


Ein Genuss!!! Kurz vor der Grenze nach Italien wurde dann aus einem Regenguss ein veritables Gewitter. Und als der Blitz keine 100 Meter von mir entfernt in einem Baum einschlug, beschloss ich, es nun gut sein zu lassen und fuhr auf den nächsten Campingplatz.
2 Stunden später sass ich immer noch im Café und wartete auf die Regenpause, um das Zelt aufzubauen. Und eine weitere Stunde später fuhr ich entnervt ins Dorf und suchte mir ein Hotel.
Als ich aus der Dusche kam, hatte der Regen aufgehört…
17.8. Morgensonne auf Berggipfeln- so stelle ich mir den Blick aus einem Fenster vor!

Gut gelaunt machte ich mich auf den Weg in die Alpen – und viele Stunden später kam ich ebenso gut gelaunt im Hotel Traube in Stelvio an. Dazwischen lagen 350 Kilometer mit Kurven, Kurven und nochmal: Kurven!

Für die, die mit der Geographie weniger am Hut hatten: Zwischen Slowenien und Stelvio liegen u.a. die Dolomiten… Jetzt war der TKC endlich auch an den Flanken benutzt worden! Das Hotel Traube ist übrigens eine feine Übernachtungsadresse, wenn man bezahlbar in der Nähe des Stilfser Jochs Quartier beziehen möchte! Allein das 4-gängige Menü am Abend…

18.8. Und so kam dann unerbittlich der letzte Reisetag. Frühstück auf dem menschenleeren und trockenen Stilfser Joch, Sonne im völlig überfüllten Livigno, Wenig Verkehr auf dem schönen Malojapass und Sprühregen auf dem fahrerisch durchaus anspruchsvollen Passo di Splugeno (Splügenpass). Der Rest ist dann schnell gesagt: Rauf auf die Autobahn und fertig ;)
Am Ende waren es:
- 20 Tage intensiv gelebte Ferienzeit
- 7800 km, davon 1000 km Tourance, der Rest TKC80 (der dann noch knapp weitere 1000 km in der Schweiz hielt)
- 12 Länder, mehr als die Hälfte davon unbekannt
- Benzinverbrauch von 6.9 Litern/100 km, Ölverbrauch von 0.4 Litern auf der gesamten Strecke.
- 0 Unfälle, 2 Umfälle, dabei 1 Soziusfussraste, 1 Blinker und etwas Würde gekillt 
- Gesamtkosten zwischen 1500 und 2000 Franken (wobei die Fähre nach Tallinn mit knapp 250 Euro der grösste Brocken war),
vor allem aber:
- Unendlich viel Spass und jede Menge Eindrücke, die ich, wie ich mich kenne, noch in vielen Jahren geniessen kann.
Fazit:
Leute, geht auf Reisen!!!