Paessekarrussell 3.8.08
"Wer hat noch nicht, wer will nochmal?"
So scheint es von den schweizer Alpenpässen zu tönen, wenn man die Fahrzeugkolonnen betrachtet, die sich jeden Sommer über Susten, Grimsel & Co schieben
Tja, und auch ich war dieses Jahr noch nicht da - was ich heute ändern wollte!
Um eben jener Karawane aus dem Weg zu gehen und den Genuss zu haben, die Pässe (fast) für mich zu haben, sass ich quasi mitten in der Nacht (5:45) auf dem Töff und begab mich via Autobahn Richtung Andermatt. Flugs war klar: Die Thermounterhose hätte ich besser angezogen statt gewaschen
Empfindlich frisch windete es quer durch das Sommerbeinkleid und kühlte mir den...ah, ihr wisst schon
Was soll ich sagen: Die Bahn war leer, der Himmel bedeckt, die Strasse trocken - eigentlich gute Voraussetzungen für einen ruhigen Tag in den Pässen!! Und tatsächlich habe ich dann etwas erlebt, was ich so noch nicht kannte! Wisst ihr, dass es technisch möglich ist, ab Wassen bis Andermatt kein(ich wiederhole in Grossbuchstaben und schreibe extra langsam!) K E I N einziges Fahrzeug vor oder hinter sich zu haben??
Ich durfte es heute erleben und hatte anschliessend mit den Tränen der Rührung zu kämpfen! So ist das also, wenn man diese Kehren in einem Schwung durchfährt...
Dann ging es rassig Richtung Furka - der Verkehr so spärlich wie die Sonnenstrahlen. Verflixte Thermowäsche 
Tja, und dann kam der Furkapass in Sicht. Oder soll ich besser sagen, er waberte heran?

Wie man es drehte und wendete, die Sache begann, undurchsichtig zu werden 
Und eben: Irgendwann war sie dann weg, die liebgewonnene Strasse...

Über den Wolken muss eben nicht nur die Freiheit, sondern auch die Sicht grenzenlos sein! hofft der Optimist und treibt seine Schneekuh mitten in die Schäfchenwolke, die sich just den Furkapass zum Grasen ausgesucht hat...
Und nicht nur dort ist sie - nein, sie wattiert die gesamte Lücke zwischen Furka und Grimsel - ein spannender Blindflug mit Landmarken wie: Harter Fels bedeutet: Du bist zu weit rechts! Freier Fall bedeutet: Du hättest weiter rechts bleiben sollen 
Plötzlich taucht dann doch noch eine Landschaft auf, die so aussieht, als würde ich sie kennen. Hurra, ich bin noch in der Schweiz, neben mir das Gleis der Furkabahn - also hab ich den RThonegletscher wohl schon passiert???
Naja, entweder, er war grad mal weg oder ich bin beim Staksen durch die Wolke tatsächlich an meinem geplanten Pausenstop vorbeigefahren.... ja nu, es gibt Schlimmeres! Z.B. einen italienischen Scooterfahrer, der ganz offensichtlich sein Leben auf dieser Strecke lassen will! "Hinter mir, Kollege, hinter mir" denke ich mir in meiner Unlust, den armen Kerl womöglich schichtweise von der Strasse runterkratzen zuu müssen und gehe elegant und rassig an ihm vorbei..... und direkt in eine Kurve, die GARANTIERT beim letzten Mal längst nicht so scharf war 

So ziemlich exakt vor dieser Situation habe ich seit Weihnachten Angst - ich komme in eine Kurve und bin zu schnell... während mein gestresstes Hirn noch verzweifelt versucht, die letzten Sturzbilder aus Italien zu verdrängen, übernimmt irgendein hilfreicher Reflex kurzerhand das Kommando und bringt mich heil und mit irgendeinem Schleifgeräusch (Hauptständer oder Fussraste - was weiss ich...) durch diesen Strassenschwung...henne geil!!!! Aber fast hätte ich nun meine komplette Unterbekleidung waschen müssen
Ich bin einfach nicht zum Helden der Schräglage geboren - aber offenbar geht es, wenn es denn muss...
OK, weiter: Die Grimselhöhe wartet schon. Und mit ihr kommt die Sonne!! Jawohl, da oben ist es schön warm und hell - die Sonnenstrahlen futtern sich grade satt an den Wolkenfetzen.

Nach einem winzigen Stop auf der Passhöhe und einem kurzen Gruss in die Runde der versammelten 10 oder 11 Töffpiloten da oben mache ich mich auf den Weg zum Oberaarsee - für die Unwissenden: Das ist die kleine Privatstrasse, die am Parkplatz nach links abbiegt. Ich komme grade recht für das Durchfahrtsrecht - ausser mir will niemand dort lang.
Und so gondele ich an einem Sonntagvormittag in aller Seelenruhe durch traumhafte Landschaft, höre ausser dem Geknatter meiner GS keinerlei menschliche Geräuscht - und teste hinter einem Felsvorsprung kurz das ABS, damit ein Murmeltier auch weiterhin murmeln kann - oder was es sonst so den lieben langen Tag anstellt 
Der possierliche Kerl fand die Strasse genau richtig für sein Morgensonnenbad - ich entschuldige mich nochmals für die Störung!
(Blick zurück...)
Ganz hinten unten dann endlich liegt der kleine gestaute See, zu dem der Weg mich führen sollte. Im Winter wird der Staudamm offenbar per Seilbahn erreicht - keine Ahnung, ob für den Tourismus oder Watrungsarbeiten.
Jedenfalls sieht man dann, wenn man ankommt, in etwa dieses:


Die Umrundung des Sees ist nicht möglich, da das linke Ufer auf Wasserniveau ist - und permanent erodiert! In den paar Augenblicken, die ich dort stand, gingen 2 Gerölllawinen in den See hinab. Sehr beeindruckend, doch sicher auch besorgniserregend. Der Gletscher übrigens hatte vor gut 10 Jahren angeblich noch Kontakt zum Wasser des Sees
Der Rückweg auf der schmalen, durch Ampelschaltung weitgehend zur Einbahnstrasse erklärten Strasse entlockte mir mehrfach dieses blöde Touristengrinsen - verbunden mit einem geraunten "boah, ist das schön!!!"

Dann ging es gen Meiringen, von wo aus ich eigentlich via Susten und Klausen retour wollte. Aber eben: ich wollte...
Kurz vor Meiringen reute es mich, die gleichen Pässe zu fahren wie erst vergangene Woche, und dafür meinen Liebling, den Nufenen, zu verpassen. Kurzerhand wendete ich und düste die Strecke wieder hoch! Flugs kam das Hospiz wieder in Sicht (wie lange wird daran wohl gebaut werden???) und knapp darüber der nette Herr, der mir schon auf dem Weg nach unten aufgefallen war. Um Unauffälligkeit bemüht hockte er mit einer Kamera am Felsen in einem fast toten Winkel und filmte den Verkehr. Wieder so einer, der mit Bildern von Töffahrern Geld macht??? Ich musste sowieso kurz stoppen, um das Gesamtgewicht der Fuhre etwas zu verringern und stoppte bei dem Typen. Ob er mich auch filmen würde und mir dann eine Kopie senden würde, fragte ich den Kerl, der so aussah, als hätte er immer noch die Feier vom 1. August in den Knochen

Ja, das wäre kein Problem, meinte er. Ich müsse einfach nur die Kehre unter uns und die darauffolgende Gerade mit mehr als 80 km/h nehmen, dann würde er ein Bild machen und sein Kollege an der Passhöhe würde dafür die Gebühr eintreiben :shock: Ich hatte grade (fast im Wortsinn) die Staatsgewalt angepisst!!!!
Unauffälliger Rückzug, hiess denn auch die Devise... die 82 Kilometerchen, die sein Gerät bei mir angezeigt hatte, liess er generös unter den Tisch fallen, huschte ihm doch grade eine ganze Gruppe Plastikbomber vor die Linse! Als ich oben ankam, hatte der liebe Kollege denn auch alle Hände voll zu tun! Wie gesagt: "Wer hat noch nicht? Wer will nochmal?"
Mittlerweile war die Klimaerwärmung auch hier eingetroffen.

Und so gelangte ich zunehmend schnelleren (und wärmeren) Schrittes nach Ulrichen, wo ich mich in eine kleine Gruppe Töffler einreihte. Ich sortierte mich hinter einem orangen Knatterkasten ein - so dachte ich mir, dann bald freie Bahn zu haben.... Der wäre bestimmt gleich weg.
Statt dessen fuhr der Siech derartig hölzern, dass ich mich gezwungen sah, erneut zu überholen - diesmal ohne Komplikationen. Der nun vor mir befindliche, über seinen Stummellenker gekrümmte Töffheld hingegen fuhr 1. in meinen Augen lupenrein und 2. nur soviel schneller als ich, dass ich ihn immer im Auge behalten und seine Linie imitieren konnte. Was soll ich sagen - das machte einen Heidenspass, dem Mann zuzusehen! Gut, die Kombi sass etwas eng - bei einer Frau hätte dieser Hintern knackig ausgesehen - aber so....und ich musste mir dieses Sitzmöbel bis zur Passhöhe ansehen!


Danke an den Fahrer, der mich so genial da hochgezogen hat, dachte ich noch, als der Typ auf dem geschotterten Platz neben dem Restaurant ganz allmählich nach links wegfiel!!! Der Seitenständer war gebrochen!
Ca 20 Biker schauten interessiert zu, wie ich meine Schneekuh fallen liess und zu dem Typen rannte, der gar keine Freude daran hatte, seine Ninja auf dem Hüftknochen abzustützen.
Nachdem ich den Töff an die Seite geräumt hatte, und der Typ immer noch am Boden lag, kam dann der erste "Kamerad" zu Hilfe. Er bekam dann den Auftrag, Sanität zu organisieren. Offensichtlich war weder die Hüfte noch der Rippenbereich des Pechvogels heil geblieben. Per Zeichensprache bekam ich den Auftrag, die Jacke zu öffnen - und erst beim anschliessenden Rippenabtasten wurde mir klar, dass ich eine PilotIN vor mir hatte 
Sinn dieser Aktion war es, den stechenden Schmerz zu lokalisieren, der ihr so den Atem nahm, dass sie nicht reden konnte. Es war... ein Schlüsselbund in der Gürteltasche der Lady! Dieser hatte sich durch Tasche und Kombi in ihre Seite gebohrt und machte offensichtlich recht weh. Nach dessen Entfernung ging es ihr sichtlich besser - aber eben: Die Hüfte. Diese war dann deutlich sichtbar beschädigt - jedenfalls hatte sich das linke Bein von seiner üblichen Position entfernt und schlenkerte nur noch so herum. Die Tränen, die ihr vom Gesicht kullerten, als sie knapp 20 Minuten Später auf die Trage geladen wurde, sprachen eine deutliche Sprache... Hoffentlich geht es ihr bald besser - ich habe nichtmal nach ihrem Namen gefragt 
Wieder etwas im Tatendrang gedämpft, schlenderte ich so den Nufenen herab und genoss die Wärme und die Schönheit der Umgebung. Und irgendwann zuckte dann doch wieder die Gashand und ich verfolgte (vergeblich) eine KTM Supermoto irgendwas... fein, fein, wie der damit um die Ecken sticht! Aber ich will nicht meckern - ich hatte heute einen guten Tag und kam in für meine Verhältnisse erfrischend flotter Fahrt in Airolo an - nur um dann direkt zur Tremola aufzubrechen!
Ich liebe diese Oldiestrasse! Diese Kehrenanlage, die so liebevoll und genial angelegt wurde - und derzeit mal wieder renoviert wird (Sand auf gepflasterten Spitzkehren... genial).
Der Fahrer einer himmelblauen BMW K1200 LT sieht das nun wohl anders, jedenfalls lag seine rollende Eigentumswohnung quer in einer offensichtlichen Zu-Spitz-Kehre ;) Himmelarschundzwirn, war das eine Schufterei, bis das Dingens wieder auf seinen 2 (hat es wirklich nur 2???) Rädern stand!! Spiegel hin, Verkleidung und Fahrerego stark angekratzt, Sprit ausgelaufen - sehr zur Freude aller nach ihm kommenden Fahrzeuge, Schalthebel irgendwie lädiert - der Junge benötigte den TCS! Also erstmal eine Abwärtsfuhre in Richtung Handyempfang
Taxiservice Nithack sei dank ging das recht flott - und ich konnte den 2. Aufstieg wagen. Und nochmal: Ich liebe diese Strecke!


Die Passhöhe war wie erwartet rappelvoll mit Menschen. Und wieder dieser grausam laute Musik scheppernde Imbiss 
Hier war mein 2. Abstecher geplant - zum Lago della Sella. Ich kam genau 500 Meter weit und sah mich einem rot-weissen Fahrzeug mit 2 finsteren Gesellen darin gegenüber. Ob ich nicht lesen könne!!!! Doch, sagte ich, ich hätte, trotz meines Übergewichtes keine 16 Tonnen und keinen Anhänger, dürfte also meiner Meinung nach hier lang fahren...
das kleinere Schild, welches wegen einer Baustelle jegliche Durchfahrt verbietet, hatte ich irgendwie übersehen 
Ich kann wohl klar feststellen, dass diese beiden Männer die mit Abstand unfreundlichsten Polizisten waren, die ich seit Langem getroffen hatte! Hui, waren die mies drauf!!! Aber es gab keine Busse, insofern war ich schnell mit dem Wendemanöver bei der Hand und machte den Abflug Richtung Höri. Vorbei an den Postkutschen, die von erbarmungswürdigen Pferden die Passstrasse hochgezogen werden mussten. Sollte man nicht besser die blöden Touristen davorspannen, die es irgendwie toll finden, den gesamten verkehr lahmzulegen und einige Gäule für sich schuften zu lassen??? Also wirklich...
Ab jetzt wurde es denn voll - denn im Tunnel ging anscheinend nix mehr, und diverse Wohnmobilisten tasteten sich nun den Pass hinunter... Also schloss ich mich wieder einer Reisegruppe an - und gemeinsam schlichen wir uns an den meist holländischen Kolossen vorbei. In der Hoffnung, dass die Polizei am Tunnel beschäftigt sein würde 
Naja, und dann ging es ab Wassen wieder auf die Bahn, welche (wieder wegen des verstopften Tunnels) angenehm leer war. Und so konnte ich in dynamischem Tempo via Axenstrasse - Sattel - Aegerisee - Sihltal heimkehren. Fazit: Gerne wieder - aber sicher nicht später als 6.00 abfahren - oder einen 2täger daraus basteln. Aber sei es wie es sei - die Schweiz ist nach wie vor ein traumhaftes Töffrevier!