1000 Kilometer!!
Seit 50 Jahren wird die Rallye "1000 Kilometer" nun durchgeführt - begonnen in der ehemaligen DDR, nach der Wende zeitweise ausgesetzt, heuer dann zum 36. mal insgesamt mit ca. 60 total verrückten Leuten in Römhild (Thüringen) gestartet. Die Tour ist komplett in das offizielle Wertungsprogramm des deutschen Motorsports integriert, weshalb neben uns "Plauschfahrern" auch einige Fahrer am Start waren, die dort tatsächlich Punkte sammeln wollten für den Jahressieg :shock: Kurz: Das Team "Winning Switzerland war in einem solchen Haufen genau richtig ;)
Wir hatten beschlossen, die Anreise materialschonend mit dem PW und Töffanhänger zurückzulegen. Auch, weil es sich um knapp 500 km Strecke handelte, die man am Sonntag ja würde retour fahren müssen. Im Gegensatz zu Chrissie musste ich Montag nämlich in aller Herrgottsfrühe schaffen :?
Ankunft:
Das Jugendheim versprüht noch den vollen und besonderen Charme der Deutschen Demokratischen Republik - es fehlte nur der anheimelnde Geruch von 2-Taktbenzin und das Geknatter von Trabbimotoren in der Luft.
Statt dessen stand dort ein lustiges Rudel Töffe, teilweise saharatauglich aufgerüstet, teilweise serienmässig - aber es gab auch eine Gruppe Rollerfahrer, die den Plan hatten, die angesetzten 1000 Kilometer mit 50 ccm unter dem Hintern zurückzulegen :shock:
Es folgte der deutsche Bürokratismus: Austeilen der Unterlagen, technische Überprüfung des Motorrades auf strassentauglichen Zustand etc. Anschliessend unternahm ich den heroischen (und letztlich nicht wirklich erfolgreichen) Versuch, die erst jetzt bekannt gegebenen Wegpunkte in die daheim geplante Route zu übertragen... Die Tatsache, dass Chrissie ihre Nervosität in Gespräche umsetzte,war dabei def. NICHT hilfreich
Dann hiess es schlafen - ich in meinem neuen (und qualitativ mittelmässigen) Zelt, Madame im Auto. Sah noch speziell aus, wie so ein roter Wuschelkopf zwischen Schlafsack und Decke hervorleuchtete, das Beste aber waren die ordentlich vor der Beifahrertür aufgestellten Hausschuhe! Ein wenig Ordnung muss eben sein 
Die ersten 100 Kilometer beschenkte Petrus uns dann am Samstag mit Regen! Merci viemau 
Kamen wir beim Briefing und bei der ersten Geschicklichkeitsübung noch trocken (und heil) davon, war dann bald einmal die Regenkombi gefragt. Ich HASSE es, wenn sie das tut, aber auch diesmal war Christina eben noch direkt hinter mir - beim nächsten Blick in den Rückspiegel war dieser dann aber leer!
grmpf...
Ja, sie hätte gehupt ohne dass ich reagiere :?
grmpf
Und weil ich innerorts schon 100 gefahren wäre, hätte sie auch nicht zu mir aufschliessen können
grmpf
und überhaupt, ich hätte ja auch WISSEN können, dass sie anhalten will!

Tja, und so spulten wir dann die Kilometer auf dem Weg nach Bad Hersfeld ab, wo uns bei trockeneren Verhältnissen ein weiterer Test erwartete: Kreisfahren mit sich verengendem Radius... Das Ende einer solchen Prüfung war übrigens immer eine Zielbremsung. Hier holten die Cracks wertvolle Zeitpunkte für ihre Wertung heraus - wir zwei "Schweizer" legten mehr Wert auf die fehlerfreie Ausführung. Was uns meist auch gelang...
Und so ging es dann munter weiter: Von Marburg an der Lahnquelle vorbei Richtung Koblenz. Dann das Moseltal hinauf bis nach Trier, wo es eine 90 minütige Zwangspause gab - inklusive Verpflegung und Möglichkeit, ein bis 2 Augen zuzumachen...
Anschliessend führte uns der Weg auf kleinen Wegen und vorbei an 3 weiteren Aufgaben (Slalomparcours auf einem unbeleuchteten Parcours! Die Pylonen waren von innen mit Kerzen beleuchtet - DAS war denn schön!) durch die mittlerweile angebrochene Nacht Richtung Würzburg. Und ab jetzt wurde das Unternehmen allmählich harzig! 600 Kilometer bzw. bald 14 Stunden Fahrt in den Knochen, musste man sich nun ebenso konzentriert und motiviert daran machen, die Nacht hindurch zu fahren... Mit dem Auto liebe ich es, nachts zu fahren - auf dem Töff deutlich weniger!
Und - ich gebe es hiermit offen zu - ich habe mich an einer Stelle zu sehr auf mein Navi verlassen und die mitgeführte Karte der Region an Chrissie weitergegeben. So hat uns dann Tante Garmin über ganz aparte Wege VORBEI an der Ideallinie auf einen knapp 1-stündigen Umweg nach Würzburg geführt, den wir uns hätten schenken können, wenn ich etwas genauer nachgesehen hätte - der zuständige Orientierungspunkt lag nämlich BEI und nicht IN Würzburg. Ich hatte während der Fahrt schon so ein ungutes Gefühl - aber irgendwann brauchte ich meine gesamte Energie zum Fahren. Fürs Denken reichte es nicht mehr 
Je nun...
Tja, und irgendwann war es dann soweit - der Sonntag morgen war längst angebrochen, wir hatten einen wunderschonen Hügel hinter uns gelassen, auf dem man im Rückspiegel noch die Nacht inklusive Mond sah, während vor uns die Sonne ihre Wanderung aufnahm.
Und es lag das letzte teilstück vor uns: Todlangweilige neue Autobahn. Das einzige, was uns nun noch vom Zelt trennte, waren gut 50 Kilometer.... und der leere Tank von Elli
Wir hatten verdrängt, dass in D die Dorftankstellen nicht per Automat offen haben, sondern verrammelt und verriegelt sind
Gleich 2x mussten wir deshalb grössere und kleinere Abstecher machen, um das kostbare Nass zu finden. OK, nun kennen wir Mannheim City genau...
Aber auch das konnte uns nicht mehr stoppen: Mit übermüdetem und dennoch glücklichen Grinsen rollten wir gegen 7.30 Uhr ins Ziel und absolvierten den letzten Geschicklichkeitsparcours - ein letzter Fehler schlich sich hier dann noch ein... Die Müdigkeit forderte ihren Tribut. Es ist aber auch gemein, einen Kreis zu fahren und dabei mit der Linken erst einen Holzklotz von seinem Platz aufzunehmen und am Ende des kreises wieder dort abzulegen!! Das Aufnehmen gelang ganz gut - beim Abgeben des Sch...-teils muste ich kurz das verkrampfte Fahrwerk ausfahren...
und dann war die wohl irrsinnigste Veranstaltung des Jahres Geschichte!
Auf dem Platz traf man sich zum abschliessenden Benzingespräch mit den anderen Fahrern, erfuhr, dass der eine oder andere seit 1989 ohne Unterbruch JEDE Rallye mitgefahren ist, stellte fest, dass manch einer auch um 7.30 problemlos an seinem Promillepegel arbeiten kann - und fiel dann in komatösen Schlaf...
...für drei Stunden, denn dann kam die Siegerehrung!
Es gab Pokale für die Klassen <37kw, >37kw, 50-12ccm, Gespanne/Quads...und für Fahrerinnen!
Und ich muss nun sicher nicht mer extra erwähnen, wer hier einen der drei Preise eingesackt hat??? 
Der Pokal (eine Glaskugel auf Glassockel) wandert nun zu Chrissie.
Die Wertung: Naja, ich bin als 32 von 65 auf der Gesamtliste zu finden, Chrissie knapp hinter mir. In der Kasse unter 37 kw hat sich Madame auf den 14. von 24 Plätzen fahren können. Das war aber nichts im Vergleich zu dem Gefühl, es überhaupt geschafft zu haben!
Die Töfflibuben (im Alter zwischen 35 und 54 Jahren
) kamen übrigens nach knapp 26 Stunden ebenfalls ins Ziel - auf einer Simson Schwalbe!!!! Respekt!!!
Bei brütender Hitze machten wir uns dann auf den Heimweg. Fast unter Einsatz von körperlicher Gewalt musste ich Christina den PW-Schlüssel abnehmen! Sonst wäre sie womöglich - wie schon auf dem Hinweg - die gesamte Strecke allein gefahren. Und irgendwo zwischen Stuttgart und Rottweil haben sich unsere Wege dann getrennt - ich war dann um 21.00 daheim, sie um 23.00...
Was haben wir nun davon? Mein Pneu ist fertig, mein Ars... ebenfalls. Meine Kondition wurde hart geprüft, die guten bilateralen Beziehungen zwischen ihr und mir ebenfalls ("Wenn du noch EINMAL so wegfährst, dann wars das, verstanden???"). Diese Tour führt Mensch und Material definitiv an die Belastungsgrenze - und genau da wollten wir offenbar einmal mehr hin. Und genau da fühlte es sich dann gut an, weil wir merkten, wie weit wir diese Grenze verschieben konnten.
Und es war sehr schön zu spüren, dass wir zwei uns als Freunde zwar zeitweise tüchtig auf die Nerven gingen, die Funktion des Teams davon aber nicht beeinträchtigt wurde! Und letztlich macht genau DAS dann eine Freundschaft aus, oder?
Ich war mir fast sicher, dass ich die Tour durchstehen würde, freue mich aber dennoch über den Beweis. Auf Chrissie, die zwar das erheblich schönere und straffere, aber eben doch geringere Sitzfleisch besitzt, bin ich mächtig stolz. Sie ist wohl die perfekte Partnerin für so etwas.
Und so hat das Team "Winning Switzerland" bei der Rallye "1000 Kilometer-Langstrecke" das erzielt, was Köbi Kuhn mit seinen Jungs bei der EM nicht erzielen durfte - einen Achtungserfolg!!
Das das team "Winning Switzerland" nun ausgerechnet komplett aus Deutschen bestand, mögen die SVP*-Mitleser verzeihen
.
Ach ja, Fotos haben wir erstaunlicherweise keine gemacht 
*SVP - Schweizerische Volkspartei. Konservativer geht's nicht. Jedenfalls nicht legal...